Warum kümmerst du dich um sowas?

Es fällt mir einfach schwer, zu manchem die Klappe zu halten. Von sprachlichen Schnitzern bis hin zu politischen Debatten. Also sammle ich, was mir so auffällt -- und eine Bemerkung verdient...

Thursday, May 22, 2014

Erinnerungen einer alten Autistin II

Das Kinderbuch "Klein Pear", Vorsatzpapier
Eleanor Frances Lattimore. Thienemann Stuttgart, 1950
Ich sprach von meinem Tageslauf, bevor ich zur Schule kam. Ich hatte zu tun. Aus der Zeitung erfuhr ich, nachdem ich mit ihrer Hilfe lesen gelernt hatte, von Ereignissen in der ganzen Welt, ein paar Jahre später las ich vom Untergang der Pamir und dem Tod einer großen Zahl junger Kadetten, was mich sehr mitnahm, und von der Einnahme Tibets durch die Chinesen. China war mir durch ein Kinderbuch schon ein Begriff, durch die Geschichte von "Klein Pear".  Ich las "Die Welt", hörte meine tägliche Jazz-Sendung aus dem riesigen Holzkasten mit seidig strukturierter Bespannung und sah das grüne Auge dazu zucken.
Stefan Riepl (Quark48)

Das "magische Auge" -- let it shine
 

Es zuckte besonders heftig bei den dramatischen Bläserfanfaren, die zu den Songs mit Frank Sinatra zu keinem Ende kamen, was ich nicht mochte; meine Lieblinge waren auch die meiner Mutter: Ella Fitzgerald und Louis Armstrong. Ich inhalierte meine täglichen Jazzgaben auch nach der Einschulung. Meine Eltern pflegten einen Nachmittagsschlaf zu halten, bei dem sie höchtstwahrscheinlich nicht immer schliefen. Sie waren jedenfalls immer aufgeräumter Stimmung, wenn sie aufgestanden waren, und lobten mich, dass ich so brav und leise gewesen war, was man auf das Radio zurückführen konnte, dem ich unter dem Wohnzimmertisch lauschte, das war ein dreifüßiger Biedermeiertisch. Seine Platte war arg zerfurcht, meine Mutter behauptete, die Rotarmisten hätten auf der Furnierplatte Brot geschnitten, sie kann es gewusst haben, sie hatte 1945 bei ihnen gearbeitet.

Auf einen der Ausläufer des flachen Fußes legte ich ein dickes Kissen und saß in dieser Laube als zufriedene Zuhörerin des Nordwestdeutschen Rundfunks, wie er damals hieß. Es gab ja auch noch den Kinderfunk, den eine läppische Melodie einleitete, tänzelnde Flöten, die zu schwachsinnigen Comicfiguren gepaßt hätten. Oder es gab den betulichen Schulfunk, "Neues aus Waldhagen" und den "Kleinen Tierfreund". Eine weitere Lieblingsbeschäftigung fand oberhalb des Tisches statt, es war die Lektüre des Wilhelm-Busch-Albums, einer zerfledderten Ausgabe von sicher 60 Jahren Alter, die am Anfang von einem prächtigen Kupferstich mit dem Porträt des Künstlers eingeleitet wurde, dazu verschnörkelte Buchstaben und ein Text in Fraktur, den ich ebenfalls schon vor der Einschulung zu lesen imstande war. Die Fähigkeit zu lesen hatte ich schon mit 4 erworben, was meinen Eltern eigentlich nicht recht war. Da ich aber drängelte, dachte mein Vater, es könne nicht schaden, wenn er mir wenigstens ein paar Buchstaben verriet. Ich schrieb also EVA und besaß damit drei Buchstaben. Ich entdeckte einen davon in einem Schriftzug über der Tankstelle, die sich damals an der Ecke Esplanade/Neuer Jungfernstieg befand. Dieser lautete ESSO und lieferte mir weiter nützlichen Stoff. Das dritte Versatzstück war DIE WELT, und damit hatte ich eine solide Grundausstattung, die mich zu weiteren Besitztümern führte. Mit der Verfügung über diese Buchstaben war ich wenige Monate später auch schon in der Lage, eigene Sinnkomplexte zu synthetisieren, und somit war ich in der Lage, meinen Zeichnungen Sprechblasen zuzuordnen und auszufüllen, was ich als sehr nützliche Erfindung aus den Comics der Hausmeister-Jungs kannte.

Es gab inzwischen auch einen kleinen Bruder. Wie es meiner Mutter in dieser Zeit ging, blendet sich aus meiner Erinnerung aus; weder wußte ich von ihrer Schwangerschaft noch von der Tatsache, dass Kinder von Frauen geboren werden. Plötzlich war da ein kleines Kind, in das ich sofort verliebt war, und ich stopfte eilfertig die karierte Decke um seine Füßchen herum fest. Merkwürdigerweise habe ich eine absolut klare Erinnerung an das blaue Karo, aber keine an sein Gesicht.
Ich war glücklich über die Ankunft des kleinen Bruders, und das waren auch die Eltern. Es hieß, meine Mutter hätte damals wieder zu lachen angefangen. Wie auch immer man das auslegen mag.
So etwa hätte das aussehen sollen,
wenn ich nicht aus der Reihe
getanzt hätte

Ich war ein einsames Kind mit mangelhafter Sozialisation. Mein Umgang waren überwiegend erwachsene Verwandte und Freunde und die meist schon sehr viel älteren Kinder dieser Verwandten. Meine Mutter pflegte Kontakte mit der estnischen Landsmannschaft, die in einem der unteren Räume der Evangelischen Akademie eine Kindertanzgruppe aufbaute, damals könnte ich vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Die Leiterin hieß Pärja Inari und war eine wundervolle Frau, mit der meine Eltern sehr gern Kontakt hatten. Die Idee war, dass ich hier ein wenig Anschluß an andere Kinder finden und auch vielleicht Estnisch lernen könnte. So war ich einmal dabei, als die ersten Schrittchen eines Tanzes gelernt wurden. Sofort stellte sich heraus, dass ich aus der Reihe tanzte, was verwunderlich war, weil ich doch schon Anzeichen einer musikalischen Begabung zeigte und alle Lieder rhythmisch und mit der richtigen Tonhöhe singen konnte. Doch so zu tanzen wie die anderen Kinder gelang mir nicht. Pärja Inari beugte sich über mich und umfasste meine Beinchen und versuchte, sie im Takt zu setzen, aber ich muss mich wohl, ohne es zu wollen, gesperrt haben. Sie seufzte und sagte in freundlichem Ton: "Nun, dann hat das wohl keinen Zweck." Ich war erleichtert, wieder an meine eigene Beschäftigung gehen zu können, und ich habe bis heute nicht die Fähigkeit erlangt, in vorgegebenen Schrittfolgen zu tanzen.


Wednesday, May 21, 2014

Sagte jemand, sie sei interessiert?

Das ist natürlich sehr schmeichelhaft. Also erzähle ich ein bisschen aus dem Leben einer nicht diagnostizierten Autistin, die inzwischen die Mitte 60 erreicht hat.

Erinnerungen einer alten Autistin Teil I


Ja, wo fange ich an? Als ich aus dem Elternhaus ging, denke ich mal, denn das ist ja immer der Beginn einer Eigenexistenz.
Ich habe noch lange bei den Eltern gelebt, das war meine beschützende Werkstatt. Auch noch mit Staatsexamen I in der Tasche. Aber langsam wollten sie mich loswerden.
Sie machten sich Sorgen, was "aus mir werden sollte", denn ich war eine versponnene, chaotische junge Frau, die es nicht auf die Reihe kriegte, ihr Zimmer aufzuräumen, aber erstaunliche Bilder malte. Als ich dann eine eigene Wohnung nahm, fing das gleich mit einem Missverständnis an, ich habe nicht begriffen, dass das nur auf Zeit war -- die Vermieterin hatte sich da etwas kryptisch ausgedrückt, aber ich kam nicht auf die Idee, da misstrauisch nachzufragen. Ich war extrem blauäugig und schlecht auf das Leben vorbereitet. Ich hatte einen Lehrauftrag für Kunst und unterrichtete mehr schlecht als recht. Damals waren die Leistungsanforderungen noch viel lockerer als heute. Ich war ja Pastors Tochter im Ort, da gab es dann Förderung.
Also, ich versuche, nicht so auf Gutdünken über mich zu reden, sondern die typischen Autismusprobleme zu beleuchten.
Ich war extrem gutgläubig und ließ mich ausnutzen und hatte teils auch noch Spaß dran. Es gab Leute, die regelmäßig bei mir ein und aus gingen, weil mein Kühlschrank immer voll war. Ich hielt mich für sexuell emanzipiert (Mitte der Siebziger war das auch nicht schwer), weil ich mir jeden nahm, der mir gefiel, aber später habe ich begriffen, dass ich dafür verachtet wurde. Mein Leben war weiterhin chaotisch, meine Grundstimmung seelisch meist überfordert. Ich verliebte mich oft und fast immer in Ungeeignete. Auf die meisten Ereignisse reagierte ich heftig, panisch, aggressiv oder sonstwie unangemessen und stellte durch einen Horrortag fest, dass durch Drogen meine ohnehin leicht hysterische Grundhaltung völlig kippte.
Ich ging dann ins Referendariat, merkte aber, dass mich ein Teil der Seminarleiter überhaupt nicht als Lehrer haben wollten. Einer fragte mich: "Können Sie nicht kleine Bildchen malen?" Ich war sehr gekränkt, teils, weil malen ja das war, was ich am liebsten getan hätte, und es war für mich ein großer Schmerz, dass ich davon nicht würde leben können -- das war mir klar. Dazu kam die Herablassung in der Weise, wie er mir das sagte.
Er hatte wohl keine Ahnung, dass diese Beschäftigung einige Jahre später tatsächlich ein Zubrot sein würde.
(Fortsetzung folgt vielleicht)