Warum kümmerst du dich um sowas?

Es fällt mir einfach schwer, zu manchem die Klappe zu halten. Von sprachlichen Schnitzern bis hin zu politischen Debatten. Also sammle ich, was mir so auffällt -- und eine Bemerkung verdient...

Sunday, January 18, 2015

Was will Pegida? Ja, was wollen die denn hier?

Da immer wieder auf die 19 Punkte der Pegida hingewiesen wird, habe ich mir mal die kleine Mühe gemacht, sie einen nach dem anderen zu zerpflücken. Es sind durchweg überflüssige, heuchlerische oder in ihrem gedanklichen Kern undemokratische Gedanken, die ich hier mal kritisch geunwürdigt habe. Meine Meinung ist in Rot gefasst, das ist wahrscheinlich reiner Zufall.


Punkt 1 - Kriegsflüchtlinge

PEGIDA ist FÜR die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgten. Das ist Menschenpflicht


Heuchelparagraph. Das steht sowieso fest.

Punkt 2 - Recht auf/Pflicht zur Integration

PEGIDA ist FÜR die Aufnahme des Rechtes auf und die Pflicht zur Integration ins Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (bis jetzt ist da nur ein Recht auf Asyl verankert)!


Eine "Pflicht zur Integration" darf es nicht geben, denn erstens verstößt das gegen die freie Entfaltung, die ein Mensch kulturell bei uns genießt, zweitens ist die Integration ja sowieso im Interesse eines Menschen, der aus dem Ausland kommt, oft notgedrungen; und wenn die scheitert, ist das überwiegend die Folge der Unfreundlichkeit des Gastlandes. Damit meine ich auch andere Europäer.

Die Forderung nach einer "Pflicht zur Integration" ist wie jemand die Treppe runterschubsen und ihm nachzurufen, warum er denn so schnell läuft.


Punkt 3 - dezentrale Unterbringung


PEGIDA ist FÜR dezentrale Unterbringung der Kriegsflüchtlinge und Verfolgten, anstatt in teilweise menschenunwürdigen Heimen!


Wie stellt ihr euch das vor? In Familien? In eurer vielleicht? Na, dann stellt mal Räume zur Verfügung. Das ist aber auch wieder so ein Heuchelparagraph, der so tut, als hättet ihr Sympathien oder gar Mitgefühl. Es ist aber für Menschen, die mit Gewalt aus ihrem sozialen und kulturellen Zusammenhang gerissen worden sind, sehr wichtig, wieder mit Landsleuten zusammenzutreffen und sich mit ihnen gemeinsam Mut zu machen. Die Möglichkeiten, einander zu treffen, sind für ihr seelisches Überleben in der Fremde absolut notwendig.


Punkt 4 - gesamteuropäischer Verteilerschlüssel

PEGIDA ist FÜR einen gesamteuropäischen Verteilungsschlüssel für Flüchtlinge und eine gerechte Verteilung auf die Schultern aller EU-Mitgliedsstaaten! (Zentrale Erfassungsbehörde für Flüchtlinge, welche dann ähnlich dem innerdeutschen, Königsteiner Schlüssel die Flüchtlinge auf die EU-Mitgliedsstaaten verteilt)


Damit die ärmeren Länder unverhältnismäßig große Lasten schultern müssen? Deutschland hat die ökonomische Kraft, um noch viel mehr Leute aufzunehmen.

Punkt 5 - Senkung Betreuungsschlüssel

PEGIDA ist FÜR eine Senkung des Betreuungsschlüssels für Asylsuchende (Anzahl Flüchtlinge je Sozialarbeiter/Betreuer – derzeit ca.200:1, faktisch keine Betreuung der teils traumatisierten Menschen)


Wäre doch eine Idee, aus euren Reihen Leute zu suchen, die die entsprechende Ausbildung haben und vielleicht mal ehrenamtlich ein paar Stunden herzuschenken.

Punkt 6 - Aufstockung Mittel für BAMF

PEGIDA ist FÜR ein Asylantragsverfahren in Anlehnung an das holländische bzw. Schweizer Modell und bis zur Einführung dessen, FÜR eine Aufstockung der Mittel für das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) um die Verfahrensdauer der Antragstellung und Bearbeitung massiv zu kürzen und eine schnellere Integration zu ermöglichen!


... und hoffentlich die Maßstäbe für die Anerkennung nicht gar zu eng zu fassen.

Punkt 7 - Aufstockung Mittel für Polizei

PEGIDA ist FÜR die Aufstockung der Mittel für die Polizei und GEGEN den Stellenabbau bei selbiger!


Ja, das fordern auch die Grünen und andere.

Punkt 8 - Ausschöpfung und Umsetzung Gesetze

PEGIDA ist FÜR die Ausschöpfung und Umsetzung der vorhandenen Gesetze zum Thema Asyl und Abschiebung!


Ich habe noch nie davon gehört, dass diese nicht ausgeschöpft würden. Eher auf übereifrige Weise.

Punkt 9 - Null Toleranz gegen Straffällige

PEGIDA ist FÜR eine Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern und Migranten!


Die muss dann aber im Sinne der Gleichheit vor dem Gesetz auf alle ausgedehnt werden. Und da könntet ihr euch arg schneiden. 3 Jahre Knast für einmal Scheibe einwerfen? Abschiebung für einen abgelaufenen Ausweis? Ihr macht mir Spaß.

Punkt 10 - gegen frauenfeindliche, gewaltbetonte Ideologie

PEGIDA ist FÜR den Widerstand gegen eine frauenfeindliche, gewaltbetonte politische Ideologie aber nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime!


Ja, wer könnte das nicht unterstreichen. Dafür gehen Menschen schon seit über 100 Jahren auf die Straße. Am schnellsten geht es aber voran, wenn man die demokratischen Entwicklungen in den Herkunftsländern nicht stört und wenn man Frauen auf einem eigenen Weg zwar unterstützt und sie vor Gewalt schützt, aber nicht so, dass das Gegenteil bewirkt wird.


Punkt 11 - Zuwanderung nach Vorbild...

PEGIDA ist FÜR eine Zuwanderung nach dem Vorbild der Schweiz, Australiens, Kanadas oder Südafrikas!


Ausgerechnet diese Reiche der Herzlosigkeit. Das wäre eine Schande für Deutschland.

Punkt 12 - sexuelle Selbstbestimmung

PEGIDA ist FÜR sexuelle Selbstbestimmung!


Ganz was Neues. Ich bin beeindruckt. Wie soll das aber in den Herkunftsländern erreicht werden? Hierzulande ist das doch sowieso anerkanntes Ziel. Also: Was ist das Neue, und wie soll das mit politischen Mitteln erreicht werden? Wollt ihr in die muslimischen Familien gehen und dort sexuelle Selbstbestimmung predigen? Viel Glück.

Punkt 13 - Erhaltung und Schutz Abendlandkultur

13. PEGIDA ist FÜR die Erhaltung und den Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur!


Wo seid ihr denn christlich? Allenfalls missionarisch. Wenn ihr wollt, dass die meisten Menschen eine Religion haben und auch praktizieren, sie ernst nehmen und sich nach ihrem Ethos richten, dann entsprechen wohl am ehesten die Muslime diesem Maßstab. Denn solange die wenigsten Menschen hierzulande das tun, was in der Bibel steht (Sie essen Schweinefleisch? Na, dann lesen Sie mal in den Büchern Mose im Alten Testament nach. Das Alte Testament ist nicht so wichtig? Ja, wozu haben wir es dann?), steht die Behauptung einer christlich-jüdisch geprägten Kultur auf sehr schwachen Füßen. Und das, was Muslime tun und lassen, ist jedenfalls wesentlich näher an Jesus dran als unsere Alltagsrealität.
Ein solcher Verweis belegt für mich ganz klar, dass die Schreiber von Punkt 13 nicht die geringste Ahnung von den Übereinstimmung der Glaubensinhalte der drei Religionen haben.


Punkt 14 - Einführung von Bürgerentscheiden

14. PEGIDA ist FÜR die Einführung von Bürgerentscheidungen nach dem Vorbild der Schweiz!


Entscheiden oder Entscheidungen? Manchmal hat das Parteiensystem doch seine Vorteile, denn das Volk sieht nicht den Gesamtzusammenhang und die Folgen einer Forderung.

Punkt 15 - Keine Waffenlieferungen...

PEGIDA ist GEGEN Waffenlieferungen an verfassungsfeindliche, verbotene Organisationen wie z.B. PKK


Ausgerechnet PKK. Da seid ihr nun gegen Islamismus, und die PKK ist es auch. Nicht nur die "guten" Kurden kämpfen gegen Islamismus. Die PKK hat seit langer Zeit für politische und kulturelle Eigenständigkeit der Kurden gekämpft. Ja, mit gewaltsamen Mitteln. Auf dem Boden eines Staates, der ihre Sprache und Kultur seit langer Zeit unterdrückt. Es ist der türkische Staat, der die Kurden kollektiv verdächtigt. Und der den IS-Kandidaten aus Europa freie Durchfahrt durch die Türkei genehmigt hat. Also, bisschen besser informieren hilft.

Punkt 16 - Parallelgesellschaften...

PEGIDA ist GEGEN das Zulassen von Parallelgesellschaften/Parallelgerichte in unserer Mitte, wie Sharia-Gerichte, Sharia-Polizei, Friedensrichter usw.


Die sind nicht als Entscheider in Strafsachen zugelassen. Hingegen wie sich Leute in zivilrechtlichen Konflikten helfen lassen, wie sie Eigentums-, Partnerschafts- oder Nachbarschaftskonflikte lösen und wer ihnen dabei hilft, das ist ihre Sache. Es gibt ja auch Schlichtungsgespräche in Schulen, inzwischen eine feste Einrichtung. Soll damit auch Schluss sein?

Punkt 17 - Genderisierung

PEGIDA ist GEGEN dieses wahnwitzige "Gender Mainstreaming”, auch oft "Genderisierung” genannt, die nahezu schon zwanghafte, politisch korrekte Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache!


Das ist aber nun wirklich ein Nebenschauplatz. Und es wundert mich auch, dass ausgerechnet die Kritiker der Islamisierung etwas dagegen haben, wenn eine Ingenieurin "Ingenieurin" genannt wird.
Ging es nicht auch darum, die Gleichberechtigung der Geschlechter in Schutz zu nehmen gegen die Unterdrückung der Frau, wie sie dem Islam angekreidet wird? Genderisierung ist das Bemühen, diese Gleichberechtigung in der Sprache zu verankern, ob nun gelungen oder nicht; aber diese Absicht geht doch gerade in dieselbe Richtung, die Pegida auch einschlagen wollte, also belustigt mich dieser Grabenkampf als Zeichen von Unausgegorenheit.
Was wollt ihr denn eigentlich?


Punkt 18 - Radikalismus

PEGIDA ist GEGEN Radikalismus egal ob religiös oder politisch motiviert!



Aha... auch gegen sich selbst? Denn etliche dieser Forderungen sind insofern radikal, als sie mehrfach die Tatsache vergessen, dass alle vor dem Recht gleich sind.

Punkt 19 - Hassprediger

PEGIDA ist GEGEN Hassprediger, egal welcher Religion zugehörig!

Auch das ist absolut überflüssig. Niemand ist für Hassprediger, denn sie selber und ihre Anhänger betrachten sie nicht als Hassprediger, sondern als Fürsprecher ihrer Überzeugung. So gesehen sind auch die Sprecher von Pegida Hassprediger.
Natürlich steht nirgendwo "Wir hassen Ausländer". So dumm sind sie nicht. Aber unterschwellig liegt jedem Paragraphen die Überzeugung zugrunde, dass Asylbewerber, Asylanten und Flüchtlinge Menschen mit weniger Rechten sind und bleiben sollen. Es wird auch nicht ausdrücklich unterschieden zwischen Asylbewerbern und Asylanten, die das Recht auf Asyl verbrieft bekommen haben. 


Von seiner Schwingung her ist dies ein Dokument der Herzlosigkeit, dem Null Verständnis für die Lebenswirklichkeit von entwurzelten Menschen zugrunde liegt. Das überrascht nicht, da ja offenbar diese Konzepte von Leuten geschrieben sind, die noch nie Kontakt mit Ausländern hatten -- und ich meine nicht, mal so eben auf der Straße, sondern lange Gespräche geführt und bei ihnen zu Hause zu Besuch gewesen zu sein. Das Lächerlichste daran überhaupt ist, dass solche Forderungen wie diese 19 Punkte ausgerechnet aus der Ecke Deutschlands kommen, die am allerwenigsten Kontakt mit dem "Problem" haben.
Leute, ihr habt ein ganz anderes Problem.
Findet heraus, was es ist, und meldet euch dann wieder!


Thursday, January 15, 2015

Mohammed ist jetzt Freiwild

Welche Freiheit ist wirklich in Gefahr?
Armer Prophet. Nun die jüngste Erniedrigung. Vom Gründer einer Weltreligion zum Apologeten der Anbeter der Freiheit.

Sie sind ja alle solche Freigeister, solche Skeptiker, solche rasend intelligenten Durchblicker, die Leute, die das Schild "Ich bin Charlie" hochhalten. Sie haben Null Verständnis dafür, dass jemand religiös empfinden könnte. Dass er sich mit einer zentralen Gestalt seiner Religion, seines Glaubens so stark identifiziert, dass es schlimmer ist, als würde man seinen Vater beleidigen.
Mein erster Mann und ich 1992.
Ja, ich bin parteiisch. Und nein,
ich bin nicht Muslima.
Ich bin nicht Muslima. Ich bekenne mich zum Buddhismus. Dieser gehört bekanntlich nicht zu den zwei Religionen, die vom Islam toleriert werden, das sind das Judentum und das Christentum, die damit zusammen die Drei Buchreligionen bilden. Trotzdem habe ich von meinem damaligen Ehemann eine erstaunliche Toleranz erlebt, es gab keine Konflikte oder Bekehrungsversuche. Das lag wohl daran, dass der Buddhismus in vielen Punkten ähnliche Antworten gibt wie der Islam und sich in ihnen in gleicher Weise vom weltlich-westlichen Lebensstil absetzt. Und auf eine Frage von einem teetrinkenden Beisitzer im Standesamt von Kisla Mahallesi, Adana, Türkei, ob ich Muslimin werden würde, antwortete er diplomatisch: "Sie überlegt es sich". In der Türkei und in türkischen Institutionen in Deutschland sind teetrinkende Beisitzer eine feste Größe. Sie haben in den seltensten Fällen etwas zu sagen, sind nur auf eine Plauderei mit dem Amtsinhaber vorbeigeschneit, sollten aber nicht verärgert werden, denn man weiß nie, ob man nicht mal bei ihnen Tee bekommt. Und dann kann es um ein wichtiges Thema gehen.
In den Teestuben rund um den Globus dürfte eine einhellige Meinung herrschen, was das Attentat betrifft: Das war unmöglich und verdammenswert. Nicht allein, weil da Menschen gestorben sind. Natürlich, das vor allem. Aber  auch deshalb, weil man den Muslimen in aller Welt, die in einem Gastland leben, wieder ein Stück moralisches Recht unter den Füßen weggezogen hat. Und auch, dass die Provokationen weitergehen, dazu jetzt im Brustton der Überzeugung, das dürfte für einige Bitterkeit sorgen. Denn eines ist ja nicht "pardonné": dass der Prophet überhaupt dargestellt wird. Es gehört zu den heiligen Sitten der Islamischen Kunst, den Propheten gar nicht oder allenfalls mit einem verschleierten Gesicht darzustellen.
Der Islam ist nicht humorlos. Muslime machen sich über alles Mögliche lustig, wie in der ZEIT zu lesen war. Nur sind ihnen einige Dinge eben doch heilig, mehr als uns.
Bei der Radikalität, die sich in vielen Meinungen ausdrückt, kommen einem Zweifel, ob ein säkulares Denken wirklich gleichzusetzen ist mit Toleranz und intellektueller Überlegenheit. Dabei ist der missionarische Eifer, mit dem viele gegen alle Religionen zu Felde ziehen, nicht so weit entfernt von dem der Fundamentalisten aus verschiedenen Glaubensbekenntnissen. Und er ist auch keineswegs weniger politisch.
Die größte Statue, die in der westlichen Welt angebetet wird, ist der Götze der Freiheit. Und wir arbeiten uns an der Erhaltung eines kleinen Eckchens ab, an dem diese Freiheit angeblich in Gefahr ist. Dabei kommt von hinten eine ganz andere Gefahr für die Demokratie. Ist Ihnen nicht auch schon aufgefallen, dass die Wählermeinung immer weniger bewirkt, dass sie immer weniger durchsetzen kann, was die meisten Leute wollen? Fast niemand will Atomkraft, aber immer weniger Leute wählen die Partei, die dafür eintritt. Niemand will genetisch manipulierte Nahrungspflanzen, aber ein Verbot ist schlicht nicht durchsetzbar. Niemand will Fracking, aber ein Verbot ist nicht durchsetzbar. Wir sind ja gar nicht Bürger demokratischer Staaten. Wir sind Konsumenten auf einem Spielplatz mit ein paar pseudodemokratischen Spielsachen. Und weil die wenigsten Bürger das begriffen haben, artikuliert sich ihr Unbehagen nicht oder nicht richtig. Dann verbeißen wir uns in die nächstliegenden Verdächtigen, aber wir konfrontieren uns nicht mit Big Oil, Big Pharma, Big Farming. Und die aufregenden kleinen Scharmützel auf unserem Spielplatz -- blonde Kinder gegen schwarzhaarige Kinder -- sind ein Kleinkrieg, der den wahren Nutznießern der Uneinigkeit gerade recht kommt.

Friday, December 19, 2014

Was bedeutet "Pliggern"?

Beiträge zu versunkenen Kulturen

Als ich ein Kind war, hörte ich öfter kleine Wortgefechte zwischen meinen Eltern und ihren Gästen, die Deutschbalten waren. Deutschbalten, was ist das? Das waren eine inzwischen fast verschwundene Minderheit von deutschstämmigen Bewohnern der Länder Estland und Lettland, und auch die deutschen Litauer zählte man dazu. Die Balten waren Nachfahren von Ordensrittern oder auch den ihnen nachgereisten Handwerkern, von schwedischen Lehensleuten der russischen Krone und von Händlern, die sich im Bereich der Hanse auch in Riga und Reval ansiedelten. Sie bildeten eine eigene Kultur, in der auch das Pliggern zu den Gesellschaftspielen gehörte. Es besteht darin, dass man einen der Anwesenden durch provozierende, aber nicht beleidigende Bemerkungen aus der Reserve zu locken versucht. Der Herausgeforderte wird versuchen, eine möglichst elegante und treffende Antwort darauf zu geben, die aber frei sein sollte von Beleidigung, wie auch als Minuspunkt zählte, wenn man sich anmerken ließ, beleidigt zu sein. Ebenso war es ein Regelverstoß, wenn man unter die Gürtellinie zielte.
Besonders schlagfertige und durch gebildete und elegante Antworten auffallende Teilnehmer dieses Spiels konnten großer Anerkennung sicher sein.

Wednesday, August 27, 2014

Erinnerungen einer alten Autistin III

Blick auf die Innenstadt von Hamburg in den 50er Jahren

Die Neustadt Hamburgs war in den 50er Jahren ein weniger hart vom Bombenkrieg getroffenes Stadtviertel als die Gegenden Hammberbrook, Borgfelde oder Barmbek, wo unter einem Trümmerfeld nicht einmal der ursprüngliche Straßenverlauf sichtbar gewesen war. Die Neustadt war aus Armut verfallen, sie war ein klassisches Wohnviertel der proletarischen Kriegerwitwen und jüngerer unehelichen Mütter mit ihren Kindern. Dennoch war es kein so dünn bewohntes Cityviertel wie heute, sondern konnte immerhin 44 Mädchen in die erste Klasse der Schule am Bäckerbreitergang schicken. Unsere Lehrerin war -- in unseren Augen -- steinalt, unverheiratet und hieß Fräulein Behrens. Sie war gütig, wir waren noch ziemlich brav. Ich saß etwas gelangweilt bei der Aufführung, die die ein Jahr älteren Kinder für die Neuankömmlinge veranstalteten, ich kann mich an nichts davon erinnern als an Kostüme aus buntem Krepp, es kann mich nicht besonders beeindruckt haben. Ich saß neben einem anderen Mädchen, mit dem ich Kontakt aufzunehmen wünschte, und teilte ihr mit, ich könnte mir schon Zöpfe machen. Ich betrachtete das als reales Gesprächsangebot und verstand nicht, warum sie sich wortlos abwandte; mir kam es vor, ich sei hier unter Gemüse geraten.
Denn so sah mein Tagesablauf bis dahin aus: Wenn meine Eltern noch schliefen, beschäftigte ich mich im Pyjama mit meinen Büchern oder Zeichensachen, bis meine Beine kalt wurden, und irgendwann wurden die Eltern dann wach, und es gab Frühstück. Der Papa ging dann ins Büro, das eine Etage tiefer lag. Meistens konnte ich ohne Unterbrechungen meinen Beschäftigungen mit dem Malkasten, mit Schere und Klebstoff oder meinen Bilderbüchern nachgehen. Eines davon war das Wilhelm-Busch-Album, aus dem ich Fraktur zu lesen lernte, dann hatte ich den dreifingerdicken Packen Impressionisten-Karten, dann war da ein Buch über das Leben Goethes mit vielen Bildern seiner Zeitgenossen und Schauplätze, das ich oft anschaute; außerdem das "Rettelbusch Stilhandbuch", Ausgabe 1952, voll mit Zeichnungen, die antike Möbel bis ins Biedermeier enthielt. Es wog mehrere Kilo und bot Unterhaltung für Stunden.

Die Mama rauchte und legte eine Patience nach der anderen auf der Schreibplatte ihres Sekretärs nah dem Fenster, das auf die klassizistischen Fassaden der Esplanade schaute.
Die Esplanade kurz nach ihrer Neubebauung 1830
Die Esplanade heute. Unsere Wohnung lag in dem
am weitesten links gelegenen hellen Gebäude
im 2. Stock.
Die Esplanade war in der napoleonischen Zeit freies Schussfeld nach Norden gewesen, zu welchem Zweck man die Bebauung niedergelegt hatte, die hier die Stadtmauer und das Dammtor gesäumt hatte. Nach dem Abzug der napoleonischen Truppen ist hier 1830 eine Prachtstraße mit nahezu gleichen klassizistischen weißen Häusern mit französisch anmutenden hohen Fenstern und relativ niedrigen Fensterbrettern fertiggestellt worden.
Heute ist nicht mehr viel zu sehen von dem überaus eleganten Charakter, den die Esplanade bis zum Bombenkrieg besessen hat. Eine Allee führte mittig von der Alsterecke bis zu den Parkanlagen, die durch die Entmilitarisierung der einstigen Valckenburgschen Wehrbauten entstanden waren. Dort befindet sich der Stephansplatz mit dem ehemaligen Hauptpostamt. Unsere Wohnung befand sich etwa in der Mitte der Südseite der Esplanade und schaute auf eine weitere Reihe von Fassaden aus der Bauzeit der Straße. Dies war eine der wenigen Straßen, die vom Bombenkrieg weitgehend verschont blieben, und sie hätte wie die Pallemaille ein Schmuckstück des Klassizismus bleiben können, wenn nicht der Kommerz seine Hand nach diesen alsternahen Grundstücken ausgestreckt hätte und British and American Tobacco sich auf einem Grundstück einen Turm erbaut hätte, für den das Wohnhaus von Heinrich Heines Tante fallen musste.
Für meine Mutter war der Wohnort ein wahrgewordener Traum, das Biedermeier die Epoche ihrer Sehnsucht.  Es war ein Haus mit hohen Räumen und drei Handbreit messenden Dielenbohlen mit kupferfarbenem Kern und goldenem Splint: Pitchpine, der schönste Fußboden, den ich je gesehen habe. Nach vorn lag ein Wohnzimmer, dessen hohe Fenster die Mama mit weissen Musselingardinen mit kleinen Pompons dekoriert hatte.
Die Möbel waren billig gekaufte, aber echte Biedermeier-Furniermöbel aus der Bauzeit des Hauses. Sie besuchte die Auktionshäuser Schlüter und andere in der Nähe und raffte zusammen, was der Bombenkrieg übriggelassen hatte. Damals ahnten wir nicht, dass solche Schätze oft den Vertriebenen, Verschleppten und Ermordeten entrissen worden waren. Wir hätten weit weniger ruhigen Gewissens damit leben können, wenn wir es gewusst hätten.
Der Blick zur Esplanade heute, von einem Rest
der Valckenburgschen Verteidigungsanlage aus
gesehen

Da meine Mutter den Stil der 50er von Herzen verachtete und die Nierentischchen und Cocktailsessel als "Schmulchen Schievelbeiner" bezeichnete, wie der antisemitische Spottname bei Wilhelm Busch lautet, rekonstruierte sie eine heile Welt, die ähnlich der Einrichtung in der alten Heimat war und eine Zeitkapsel außerhalb der laufenden Realität darstellte. Hier sprach man ein baltisches Deutsch, das von eigenen Ausdrücken wimmelte, vermischt mit estnischen und russischen Versatzstücken, ähnlich wie die Deutschtürken heute, die gerade immer die Sprache verwenden, die das besser ausdrückt, was sie sagen wollen.
Hier sitze ich an den Landungsbrücken
auf einem Poller.
Mein Vater hatte viel Zeit für mich, vielleicht, weil der Arbeitsplatz im selben Haus ihm die Arbeitswege verkürzte. Er machte Spaziergänge mit mir, auf denen wir uns sehr vernünftig unterhielten oder endlose Wortspiele spielten.  Meistens besuchten wir den Botanischen Garten, der damals Teil der Wallanlage war.

Meine Mutter funktionierte. So überspielte sie ihr Trauma. Sie war eine gute Hausfrau, die oft Gäste bewirtete und sich oft bei den Vorbereitungen verletzte, weil sie so unter Stress kam, dass ihr leicht Unfälle passierten. Wir hatten auch öfter Logiergäste, dann war der Onkel meiner Großmutter bei uns, Herbert, der mit seiner frommen Edith in einer winzigen Kate in Nordschleswig wohnte. Merkwürdigerweise kam er einige Male ohne sie, worüber ich nicht nachdachte; vielleicht entfloh er ihr regelmäßig. Früher, so hieß es, sei er  öfter zum "Fischen und Jagen" nach Schweden gefahren, über die Beute gab es eine einhellige und nicht jugendfreie Meinung. Seine Abenteuer aus jungen Jahren wurden in der Familie als geheime Verschlussakte gehandelt, was sehr schade ist, denn das hätte einiges Interessante zu diesem Dossier beigesteuert.
Da aber alle Beteiligten inzwischen in neuen Inkarnationen über den Planeten oder einen anderen wandern, muss ich mich nicht mehr zurückhalten.

Ich ahnte von alledem nichts; ich denke mal, dass ich damals von den Realitäten des Lebens auch selber nichts wissen wollte. Die kleine Tochter unseres Hausmeisters, der bald darauf wegen irgendwelcher Unzuverlässigkeiten entlassen und durch den grundsoliden Nachfolger H. ersetzt wurde, wollte mich einmal ins Vertrauen ziehen und lockte mich auf den Dachboden, wohin ich meinen Roller unbedingt mitnehmen wollte. Ich muss wohl etwa 6 Jahre alt gewesen sein. So saßen wir auf den Dielen, und sie fing an, mir etwas zu erzählen, was ich nicht verstand und aus diesem Grunde auch nicht behalten habe. Ob es richtig sei, wenn jemand dies oder das mit ihr mache? Das ist alles, was aus nebulösen Erinnerungen folgt, nicht wirklich klar auftaucht. Es machte mich äußerst verlegen, offenbar waren das Dinge, über die man in meiner Familie nicht sprach. Um mich aus der Lage zu befreien oder wenigstens einen Ausweg daraus zu erfinden, bohrte ich die ganze Zeit meinen Fuß in eine Mulde des Rollers, in den Winkel, der das Rollbrett am Lenkbrett befestigte. Sie begriff, dass es keinen Sinn hatte, mich ins Vertrauen zu ziehen, denn ich schwieg beharrlich zu ihren Ausführungen, vor allem, weil ich nicht verstand, wovon sie sprach, aber auch, weil das Gespräch mir höchst unbehaglich und peinlich war. Ich trollte mich mit einer gewissen Erleichterung.
Jahrzehnte später kam mir der Gedanke, dass sie vielleicht jemanden brauchte, der sie ein Mißbrauchserlebnis anvertrauen wollte.

 "Sind das die Männer, die den Fuchs schießen?" lautete meine Frage angesichts des bewaffneten Aufmarsches, als ich wohl so 4 oder 5 Jahre alt war. Man ließ mich in dem Glauben; man erzählte Kindern damals nicht so viel.
Ich fragte später doch weiter; mein Vater sagte aber, er wolle mir das lieber noch nicht erzählen. Wir einigten uns darauf, dass er das tun würde, wenn ich neun wäre.
Es kam allerdings schon eher dazu.

Thursday, May 22, 2014

Erinnerungen einer alten Autistin II

Das Kinderbuch "Klein Pear", Vorsatzpapier
Eleanor Frances Lattimore. Thienemann Stuttgart, 1950
Ich sprach von meinem Tageslauf, bevor ich zur Schule kam. Ich hatte zu tun. Aus der Zeitung erfuhr ich, nachdem ich mit ihrer Hilfe lesen gelernt hatte, von Ereignissen in der ganzen Welt, ein paar Jahre später las ich vom Untergang der Pamir und dem Tod einer großen Zahl junger Kadetten, was mich sehr mitnahm, und von der Einnahme Tibets durch die Chinesen. China war mir durch ein Kinderbuch schon ein Begriff, durch die Geschichte von "Klein Pear".  Ich las "Die Welt", hörte meine tägliche Jazz-Sendung aus dem riesigen Holzkasten mit seidig strukturierter Bespannung und sah das grüne Auge dazu zucken.
Stefan Riepl (Quark48)

Das "magische Auge" -- let it shine
 

Es zuckte besonders heftig bei den dramatischen Bläserfanfaren, die zu den Songs mit Frank Sinatra zu keinem Ende kamen, was ich nicht mochte; meine Lieblinge waren auch die meiner Mutter: Ella Fitzgerald und Louis Armstrong. Ich inhalierte meine täglichen Jazzgaben auch nach der Einschulung. Meine Eltern pflegten einen Nachmittagsschlaf zu halten, bei dem sie höchtstwahrscheinlich nicht immer schliefen. Sie waren jedenfalls immer aufgeräumter Stimmung, wenn sie aufgestanden waren, und lobten mich, dass ich so brav und leise gewesen war, was man auf das Radio zurückführen konnte, dem ich unter dem Wohnzimmertisch lauschte, das war ein dreifüßiger Biedermeiertisch. Seine Platte war arg zerfurcht, meine Mutter behauptete, die Rotarmisten hätten auf der Furnierplatte Brot geschnitten, sie kann es gewusst haben, sie hatte 1945 bei ihnen gearbeitet.

Auf einen der Ausläufer des flachen Fußes legte ich ein dickes Kissen und saß in dieser Laube als zufriedene Zuhörerin des Nordwestdeutschen Rundfunks, wie er damals hieß. Es gab ja auch noch den Kinderfunk, den eine läppische Melodie einleitete, tänzelnde Flöten, die zu schwachsinnigen Comicfiguren gepaßt hätten. Oder es gab den betulichen Schulfunk, "Neues aus Waldhagen" und den "Kleinen Tierfreund". Eine weitere Lieblingsbeschäftigung fand oberhalb des Tisches statt, es war die Lektüre des Wilhelm-Busch-Albums, einer zerfledderten Ausgabe von sicher 60 Jahren Alter, die am Anfang von einem prächtigen Kupferstich mit dem Porträt des Künstlers eingeleitet wurde, dazu verschnörkelte Buchstaben und ein Text in Fraktur, den ich ebenfalls schon vor der Einschulung zu lesen imstande war. Die Fähigkeit zu lesen hatte ich schon mit 4 erworben, was meinen Eltern eigentlich nicht recht war. Da ich aber drängelte, dachte mein Vater, es könne nicht schaden, wenn er mir wenigstens ein paar Buchstaben verriet. Ich schrieb also EVA und besaß damit drei Buchstaben. Ich entdeckte einen davon in einem Schriftzug über der Tankstelle, die sich damals an der Ecke Esplanade/Neuer Jungfernstieg befand. Dieser lautete ESSO und lieferte mir weiter nützlichen Stoff. Das dritte Versatzstück war DIE WELT, und damit hatte ich eine solide Grundausstattung, die mich zu weiteren Besitztümern führte. Mit der Verfügung über diese Buchstaben war ich wenige Monate später auch schon in der Lage, eigene Sinnkomplexte zu synthetisieren, und somit war ich in der Lage, meinen Zeichnungen Sprechblasen zuzuordnen und auszufüllen, was ich als sehr nützliche Erfindung aus den Comics der Hausmeister-Jungs kannte.

Es gab inzwischen auch einen kleinen Bruder. Wie es meiner Mutter in dieser Zeit ging, blendet sich aus meiner Erinnerung aus; weder wußte ich von ihrer Schwangerschaft noch von der Tatsache, dass Kinder von Frauen geboren werden. Plötzlich war da ein kleines Kind, in das ich sofort verliebt war, und ich stopfte eilfertig die karierte Decke um seine Füßchen herum fest. Merkwürdigerweise habe ich eine absolut klare Erinnerung an das blaue Karo, aber keine an sein Gesicht.
Ich war glücklich über die Ankunft des kleinen Bruders, und das waren auch die Eltern. Es hieß, meine Mutter hätte damals wieder zu lachen angefangen. Wie auch immer man das auslegen mag.
So etwa hätte das aussehen sollen,
wenn ich nicht aus der Reihe
getanzt hätte

Ich war ein einsames Kind mit mangelhafter Sozialisation. Mein Umgang waren überwiegend erwachsene Verwandte und Freunde und die meist schon sehr viel älteren Kinder dieser Verwandten. Meine Mutter pflegte Kontakte mit der estnischen Landsmannschaft, die in einem der unteren Räume der Evangelischen Akademie eine Kindertanzgruppe aufbaute, damals könnte ich vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Die Leiterin hieß Pärja Inari und war eine wundervolle Frau, mit der meine Eltern sehr gern Kontakt hatten. Die Idee war, dass ich hier ein wenig Anschluß an andere Kinder finden und auch vielleicht Estnisch lernen könnte. So war ich einmal dabei, als die ersten Schrittchen eines Tanzes gelernt wurden. Sofort stellte sich heraus, dass ich aus der Reihe tanzte, was verwunderlich war, weil ich doch schon Anzeichen einer musikalischen Begabung zeigte und alle Lieder rhythmisch und mit der richtigen Tonhöhe singen konnte. Doch so zu tanzen wie die anderen Kinder gelang mir nicht. Pärja Inari beugte sich über mich und umfasste meine Beinchen und versuchte, sie im Takt zu setzen, aber ich muss mich wohl, ohne es zu wollen, gesperrt haben. Sie seufzte und sagte in freundlichem Ton: "Nun, dann hat das wohl keinen Zweck." Ich war erleichtert, wieder an meine eigene Beschäftigung gehen zu können, und ich habe bis heute nicht die Fähigkeit erlangt, in vorgegebenen Schrittfolgen zu tanzen.


Wednesday, May 21, 2014

Sagte jemand, sie sei interessiert?

Das ist natürlich sehr schmeichelhaft. Also erzähle ich ein bisschen aus dem Leben einer nicht diagnostizierten Autistin, die inzwischen die Mitte 60 erreicht hat.

Erinnerungen einer alten Autistin Teil I


Ja, wo fange ich an? Als ich aus dem Elternhaus ging, denke ich mal, denn das ist ja immer der Beginn einer Eigenexistenz.
Ich habe noch lange bei den Eltern gelebt, das war meine beschützende Werkstatt. Auch noch mit Staatsexamen I in der Tasche. Aber langsam wollten sie mich loswerden.
Sie machten sich Sorgen, was "aus mir werden sollte", denn ich war eine versponnene, chaotische junge Frau, die es nicht auf die Reihe kriegte, ihr Zimmer aufzuräumen, aber erstaunliche Bilder malte. Als ich dann eine eigene Wohnung nahm, fing das gleich mit einem Missverständnis an, ich habe nicht begriffen, dass das nur auf Zeit war -- die Vermieterin hatte sich da etwas kryptisch ausgedrückt, aber ich kam nicht auf die Idee, da misstrauisch nachzufragen. Ich war extrem blauäugig und schlecht auf das Leben vorbereitet. Ich hatte einen Lehrauftrag für Kunst und unterrichtete mehr schlecht als recht. Damals waren die Leistungsanforderungen noch viel lockerer als heute. Ich war ja Pastors Tochter im Ort, da gab es dann Förderung.
Also, ich versuche, nicht so auf Gutdünken über mich zu reden, sondern die typischen Autismusprobleme zu beleuchten.
Ich war extrem gutgläubig und ließ mich ausnutzen und hatte teils auch noch Spaß dran. Es gab Leute, die regelmäßig bei mir ein und aus gingen, weil mein Kühlschrank immer voll war. Ich hielt mich für sexuell emanzipiert (Mitte der Siebziger war das auch nicht schwer), weil ich mir jeden nahm, der mir gefiel, aber später habe ich begriffen, dass ich dafür verachtet wurde. Mein Leben war weiterhin chaotisch, meine Grundstimmung seelisch meist überfordert. Ich verliebte mich oft und fast immer in Ungeeignete. Auf die meisten Ereignisse reagierte ich heftig, panisch, aggressiv oder sonstwie unangemessen und stellte durch einen Horrortag fest, dass durch Drogen meine ohnehin leicht hysterische Grundhaltung völlig kippte.
Ich ging dann ins Referendariat, merkte aber, dass mich ein Teil der Seminarleiter überhaupt nicht als Lehrer haben wollten. Einer fragte mich: "Können Sie nicht kleine Bildchen malen?" Ich war sehr gekränkt, teils, weil malen ja das war, was ich am liebsten getan hätte, und es war für mich ein großer Schmerz, dass ich davon nicht würde leben können -- das war mir klar. Dazu kam die Herablassung in der Weise, wie er mir das sagte.
Er hatte wohl keine Ahnung, dass diese Beschäftigung einige Jahre später tatsächlich ein Zubrot sein würde.
(Fortsetzung folgt vielleicht)

Thursday, March 27, 2014

Schmiede das Eisen, solange es heiß ist -- oder: Autistische Kinder unter dem ABA-Hammer

Ich verstehe ja nichts von ABA, lese nur hier und da, dass dadurch Kinder verschiedene Dinge gelernt haben, die sie vorher nicht konnten. Man hat den Eindruck, dass die Vertreter von ABA es eilig haben, sie wollen die kostbare Zeit nutzen, solange das Kind noch klein ist.
Es mag ja im allgemeinen stimmen, dass Kinder in der frühen Kindheit die größten Fortschritte machen und dass das Gehirn später nicht mehr so aufnahmefähig ist.
Mir scheint aber, dass man diese Aussage bei Autisten aus zwei Gründen modifizieren muss, und eine dieser Aussagen hängt mit der "Theorie von der Intensiven Welt" zusammen. Die Autoren behaupten und belegen, wie in den angegebenen Quellen nachzulesen ist, dass das autistische Gehirn im Gegenteil zur üblichen Ansicht Ruhe braucht, um nicht in seine Inselbildung zu verfallen, die ein Not-Aus für das überwältigte Kind bedeutet.
Das Kind wird also nach seinem eigenen Tempo lernen, wenn man es in Ruhe lässt.
Wenn es bestimmte Dinge nicht lernt, also z.B. nicht spricht, hat es vielleicht seine Gründe, und das darf uns nicht beunruhigen. Denn da das Gehirn hyperplastisch ist, also auch noch in späterem Alter weit lernfähiger ist als das neurotypische Gehirn, kann alles Mögliche an Lernstoff nachgeholt werden, wenn der einzige Lernantrieb da ist, der ein autistisches Kind bewegen kann, nämlich Motivation.
(Wir Autisten sind nämlich verdammte Genussmenschen, wir tun nur, was uns Spaß macht, aber das machen wir dann so überwältigend gut, dass immer noch genug für die Gesellschaft abfällt. Wir tun es nur nicht dann, wenn man es von uns erwartet. Aber das ist ja nicht unsere Schuld ;-) )
Jedenfalls habe ich trotz einer 5 in Mathe im Abi mir selber beigebracht, wie man Dreisatz-Rechnungen mit Bogengraden und -minuten rechnet; mit 50 kam ich in einem Test auf eine durchschnittliche Begabung für Mathe.
Wer macht sich da denn nass, wenn sein Aspie-Kind beschlossen hat, dass es erst einmal der Welt noch nichts zu sagen hat? Vielleicht wartet es nur auf einen Grund zum Reden.

Auszug aus einem Kommentar zur einem Artikel der ZEIT online:
http://www.zeit.de/.../03/autismus-kinder-verhalten/seite-1
"Die hier vorgestellte Therapie empfinde ich als grausam, weil sie dem Kind jede Form von Autonomie und Würde untersagt. Es ist in der Tat eine Dressur. Dass dabei positive, messbare Ergebnisse erzielt werden, ist aus meiner Sicht kein Beweis für ihren Erfolg. Inwieweit sich das Ganze am Ende traumatisch auswirkt, ist eine Frage, die hier nicht hinterfragt wird. Dass diese Methode der typisch amerikanischen Mentalität entspricht, ist außerdem kein Zufall. Ich frage mich: Wie soll ein autistisches Kind lernen sich in andere hineinzuversetzen, wenn es die gleiche Erfahrung selbst nicht macht? Des weiteren fehlt mir, dass auch ein autistisches Kind die Erfahrung machen darf, dass es so, wie es geboren wurde, liebenswert und richtig ist."