Warum kümmerst du dich um sowas?

Es fällt mir einfach schwer, zu manchem die Klappe zu halten. Von sprachlichen Schnitzern bis hin zu politischen Debatten. Also sammle ich, was mir so auffällt -- und eine Bemerkung verdient...

Freitag, 19. Oktober 2018

Autoren rezensieren Autoren

Oh, dafür habe ich schon schön auf die Glocke bekommen. Dabei ist ein anderer Kollege ebenfalls der Meinung, dass man gerade mit kritischen Kommentaren den Kollegen hilft. Verreißt man sie so zum Spaß? Kaum. Undifferenzierte Verrisse erlebe ich eher von Schreibern, die reine Leser sind. Denn wenn sie Genre und Qualität verwechseln, wenn da Sätze kommen wie "Da mich dieses Thema überhaupt nicht interessiert, kann ich leider nur zwei Sterne geben", weiß man genau, dass diese Rezensenten (sind sie überhaupt eine lateinische Endung wert?) selber das Handwerk nicht betreiben. Und sie denken auch nicht darüber nach, dass sie den Schnitt dieser Bewertung gnadenlos in die Tiefe reißen, wenn sie ihre zwei Sterne gegen die zwei Fünf-Stern-Rezensionen setzen. Denn was vorher 5 war, ist schon gleich 12:3=4. Solche Bewertungen können über Kauf oder Nicht-Kauf entscheiden.
Seien wir doch froh, wenn Autoren zur Feder greifen! Sie wissen um die Schwierigkeiten, um die Mühe, die es kostet, ein Buch fertigzustellen. Sie erkennen die Ursachen eines Scheiterns und sind vielleicht so kollegial, der Kollegin einen Hinweis zu geben. Autoren können andere Autoren coachen, gegen Honorar oder auch ohne, ich kenne da wunderbare Beispiele. Sie können zeigen, dass es gerade nicht der Neid ist, der ihre Feder bewegt.

Rezension

Alptraumprinz von Akira Arenth

 Diese Rezension habe ich bereits bei amazon veröffentlicht.

✰✰✰✰✰
am 19. Oktober 2018
Akiras Personen folgen in ihrem Aussehen und Charakter immer wieder dem Muster der Selbst- und Partnerdarstellung, das ist kein Geheimnis. Er macht sich selbst und seine "fast 2 Meter große Muse mit stahlblauen Augen" zu Akteuren, die durch bestimmte Accessoires gekennzeichnet werden. Ein amüsantes Ratespiel des "who is who" wird auf diese Weise vielfach variiert.
In "Alptraumprinz" macht er es uns ein wenig schwerer, denn hier ist der Blonde der Kleine, dazu durch eine Brille und durch den Intellekt verfeinert zum Wissenschaftler, dem nichtsdestoweniger Skrupel fehlen, wie ja auch Dystopien oft mit Verrohung der Menschen einhergehen.
Ich zögere, die obligaten 5 Sterne zu vergeben, tendiere innerlich dann wieder partiell zu 6 Sternen. Warum ist das so? Und kann ich mich hier wirklich von meiner Abneigung gegen Dystopien frei machen? Denn das müsste ich, um einem Teil der Werke von Akira gerecht zu werden. Wenn auch das Motiv des gezähmten Monsters schon verschiedene Varianten in der darstellenden Kunst erfahren hat, so ist dieses besonders schrecklich und besonders unberechenbar; und die eklatanten Mängel in der Humanität der hier geschilderten Welt machen es noch weniger vorhersehbar, wie sich beide Seiten, die menschliche und die monströse, sich verhalten werden, wenn sie aufeinandertreffen. Einerseits finde ich die Gruselschockereffekte ungewohnt, normalerweise lese ich dergleichen nicht. Andererseits trifft der erotische Anteil (und habe ich jetzt gespoilert, dass es einen solchen gibt?) wieder mal so auf den Punkt, dass ein Glockenzeichen ertönt. Und schließlich kommt noch eine weitere Dimension hinzu. Kann man das Ungeheuer als Metapher für das Phänomen Trieb lesen? Oder übertreibe ich da meine Interpretation? Wenn ich das richtig verstehe, haben wir hier eine grandiose Darstellung, wie sich der Mensch mit seiner animalischen Natur auseinandersetzt. Das Ringen, das Versagen, das Austricksen, das Bestechen, das Opfern... ich sage nicht, welche Resultate es gibt, welche Kräfte in dem Kampf siegen werden, da liegt ein weites Schlachtfeld der menschlichen Natur vor uns, auf dem alles passieren kann. Und das ist das wirklich Spannende an diesem mit teils verstörenden Illustrationen aufgelockerten Buch, der Grund, warum man es dann eben doch mit einer gewissen Genugtuung bis zum Ende liest.

Samstag, 10. Februar 2018

Mit Pomp in der Typo-Szene gefeiert:

Das große ß

Ja, was sich anhört wie ein Karnevalscherz, ist Realität. Die Verwendung eines Großbuchstaben für das "scharfe S" ist offiziell.
Das halte ich sowohl sprachlich als auch ästhetisch als auch schriftgeschichtlich für eine Katastrophe. In einem typographischen Forum diskutierte ich mit Typografen über dieses meiner Ansicht nach monströse Objekt. Sie entgegneten mir, auch das W sei ja nicht im lateinischen Zeichensatz enthalten, sondern eine Verdoppelung des V. Der Vergleich hinkt jedoch, denn ich führte ins Feld, daß ein ß sich aus einem langen kleinen s und einem Schluß-s zusammensetzt, wie nebenstehendes Dokument aus der italienischen Renaissance einwandfrei belegt. Seltsamerweise wehrten sich die Teilnehmer an diesem Forum auch gegen so offensichtliche Belege und verwiesen nun wieder darauf, daß so alte Zeichen nicht mehr für uns verbindlich sein könnten.
Auf diesem Beispiel (links) sieht man die von dem geschichtsbewußten Typografen Zapf geschaffene Type Aldus. Sie heißt so nach dem venezianischen Verlag, der sich auf Typografen wie Bembo stützte. Das oben gezeigte Blatt ist typisch für die Schriftgestaltung dieser Zeit.
Es ist mir unbegreiflich, wie man sich gegen so schlagende Beweise sperren kann. Die einzige Erklärung ist: Ein neues Zeichen zu digitalisieren -- was ich früher selbst gemacht habe -- ist ist eine lukrative Arbeit. Und da die Zeichensätze für den digitalen Satz meistens von ITC, Adobe und anderen Schriftschmieden kommen, ist die Schaffung eines neuen, nur für den deutschen Sprachraum nutzbaren Zeichens eine verlockende und so schnell nicht endende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
Ein ß gehört nicht in eine Versalreihe. So war es immer. Es kann gar nicht so gestaltet werden, daß es nicht doch ein Fremdkörper wäre.

WEIßER ZAUBER stand über dem Weihnachtsmarkt in unserer Stadt. Weiberzauber?
GROßE KUNSTAUSSTELLUNG. Grobe Kunstausstellung? Ja, Kunst ist nicht immer etwas für Zimperliche.
FAßBRAUSE. Fab-Brause? Wie kann man von einem Ausländer, der das Deutsche nicht vollkommen beherrscht, erwarten, daß er damit zurechtkommt?
Und wie kam das zustande? Durch eine fehlerhafte Auslegung der Funktion des ß. Es enthielt noch immer die Regel des Schlußzeichens, auch wenn die Unterscheidung von Mittel-S und Schluß-S nicht mehr bekannt ist. Dennoch ist die Notwendigkeit dieses Zeichen immer noch tief in der Sprachstruktur verankert. In vielen Fällen können wir auf dieses Signal -- eines Wortendes -- nicht verzichten, ohne daß es krank aussieht.
Ganz ausführliche Schilderung der grammatikalischen Konsequenzen der "Reform" ist der Artikel hier.
Persönliche Schlußbemerkung: Ich schreibe das ß wie vor der Reform. In "daß" und "muß", aber niemals in einer Versalreihe. Wenn man vorher kein Problem damit hatte, MASSLOS oder DER GROSSE FLUSS zu verstehen, warum sollte es jetzt plötzlich ein Problem sein?
Und wenn Herr Maß kein Herr Mass sein will, dann schreibt ihn in Gottes Namen mit gemischter Schrift. Versalreihen sind etwas für schmückende Überschriften, aber sie sind überall da nicht nötig, wo dieser Konflikt auftauchen könnte.