Warum kümmerst du dich um sowas?

Es fällt mir einfach schwer, zu manchem die Klappe zu halten. Von sprachlichen Schnitzern bis hin zu politischen Debatten. Also sammle ich, was mir so auffällt -- und eine Bemerkung verdient...

Wednesday, August 27, 2014

Erinnerungen einer alten Autistin III

Blick auf die Innenstadt von Hamburg in den 50er Jahren

Die Neustadt Hamburgs war in den 50er Jahren ein weniger hart vom Bombenkrieg getroffenes Stadtviertel als die Gegenden Hammberbrook, Borgfelde oder Barmbek, wo unter einem Trümmerfeld nicht einmal der ursprüngliche Straßenverlauf sichtbar gewesen war. Die Neustadt war aus Armut verfallen, sie war ein klassisches Wohnviertel der proletarischen Kriegerwitwen und jüngerer unehelichen Mütter mit ihren Kindern. Dennoch war es kein so dünn bewohntes Cityviertel wie heute, sondern konnte immerhin 44 Mädchen in die erste Klasse der Schule am Bäckerbreitergang schicken. Unsere Lehrerin war -- in unseren Augen -- steinalt, unverheiratet und hieß Fräulein Behrens. Sie war gütig, wir waren noch ziemlich brav. Ich saß etwas gelangweilt bei der Aufführung, die die ein Jahr älteren Kinder für die Neuankömmlinge veranstalteten, ich kann mich an nichts davon erinnern als an Kostüme aus buntem Krepp, es kann mich nicht besonders beeindruckt haben. Ich saß neben einem anderen Mädchen, mit dem ich Kontakt aufzunehmen wünschte, und teilte ihr mit, ich könnte mir schon Zöpfe machen. Ich betrachtete das als reales Gesprächsangebot und verstand nicht, warum sie sich wortlos abwandte; mir kam es vor, ich sei hier unter Gemüse geraten.
Denn so sah mein Tagesablauf bis dahin aus: Wenn meine Eltern noch schliefen, beschäftigte ich mich im Pyjama mit meinen Büchern oder Zeichensachen, bis meine Beine kalt wurden, und irgendwann wurden die Eltern dann wach, und es gab Frühstück. Der Papa ging dann ins Büro, das eine Etage tiefer lag. Meistens konnte ich ohne Unterbrechungen meinen Beschäftigungen mit dem Malkasten, mit Schere und Klebstoff oder meinen Bilderbüchern nachgehen. Eines davon war das Wilhelm-Busch-Album, aus dem ich Fraktur zu lesen lernte, dann hatte ich den dreifingerdicken Packen Impressionisten-Karten, dann war da ein Buch über das Leben Goethes mit vielen Bildern seiner Zeitgenossen und Schauplätze, das ich oft anschaute; außerdem das "Rettelbusch Stilhandbuch", Ausgabe 1952, voll mit Zeichnungen, die antike Möbel bis ins Biedermeier enthielt. Es wog mehrere Kilo und bot Unterhaltung für Stunden.

Die Mama rauchte und legte eine Patience nach der anderen auf der Schreibplatte ihres Sekretärs nah dem Fenster, das auf die klassizistischen Fassaden der Esplanade schaute.
Die Esplanade kurz nach ihrer Neubebauung 1830
Die Esplanade heute. Unsere Wohnung lag in dem
am weitesten links gelegenen hellen Gebäude
im 2. Stock.
Die Esplanade war in der napoleonischen Zeit freies Schussfeld nach Norden gewesen, zu welchem Zweck man die Bebauung niedergelegt hatte, die hier die Stadtmauer und das Dammtor gesäumt hatte. Nach dem Abzug der napoleonischen Truppen ist hier 1830 eine Prachtstraße mit nahezu gleichen klassizistischen weißen Häusern mit französisch anmutenden hohen Fenstern und relativ niedrigen Fensterbrettern fertiggestellt worden.
Heute ist nicht mehr viel zu sehen von dem überaus eleganten Charakter, den die Esplanade bis zum Bombenkrieg besessen hat. Eine Allee führte mittig von der Alsterecke bis zu den Parkanlagen, die durch die Entmilitarisierung der einstigen Valckenburgschen Wehrbauten entstanden waren. Dort befindet sich der Stephansplatz mit dem ehemaligen Hauptpostamt. Unsere Wohnung befand sich etwa in der Mitte der Südseite der Esplanade und schaute auf eine weitere Reihe von Fassaden aus der Bauzeit der Straße. Dies war eine der wenigen Straßen, die vom Bombenkrieg weitgehend verschont blieben, und sie hätte wie die Pallemaille ein Schmuckstück des Klassizismus bleiben können, wenn nicht der Kommerz seine Hand nach diesen alsternahen Grundstücken ausgestreckt hätte und British and American Tobacco sich auf einem Grundstück einen Turm erbaut hätte, für den das Wohnhaus von Heinrich Heines Tante fallen musste.
Für meine Mutter war der Wohnort ein wahrgewordener Traum, das Biedermeier die Epoche ihrer Sehnsucht.  Es war ein Haus mit hohen Räumen und drei Handbreit messenden Dielenbohlen mit kupferfarbenem Kern und goldenem Splint: Pitchpine, der schönste Fußboden, den ich je gesehen habe. Nach vorn lag ein Wohnzimmer, dessen hohe Fenster die Mama mit weissen Musselingardinen mit kleinen Pompons dekoriert hatte.
Die Möbel waren billig gekaufte, aber echte Biedermeier-Furniermöbel aus der Bauzeit des Hauses. Sie besuchte die Auktionshäuser Schlüter und andere in der Nähe und raffte zusammen, was der Bombenkrieg übriggelassen hatte. Damals ahnten wir nicht, dass solche Schätze oft den Vertriebenen, Verschleppten und Ermordeten entrissen worden waren. Wir hätten weit weniger ruhigen Gewissens damit leben können, wenn wir es gewusst hätten.
Der Blick zur Esplanade heute, von einem Rest
der Valckenburgschen Verteidigungsanlage aus
gesehen

Da meine Mutter den Stil der 50er von Herzen verachtete und die Nierentischchen und Cocktailsessel als "Schmulchen Schievelbeiner" bezeichnete, wie der antisemitische Spottname bei Wilhelm Busch lautet, rekonstruierte sie eine heile Welt, die ähnlich der Einrichtung in der alten Heimat war und eine Zeitkapsel außerhalb der laufenden Realität darstellte. Hier sprach man ein baltisches Deutsch, das von eigenen Ausdrücken wimmelte, vermischt mit estnischen und russischen Versatzstücken, ähnlich wie die Deutschtürken heute, die gerade immer die Sprache verwenden, die das besser ausdrückt, was sie sagen wollen.
Hier sitze ich an den Landungsbrücken
auf einem Poller.
Mein Vater hatte viel Zeit für mich, vielleicht, weil der Arbeitsplatz im selben Haus ihm die Arbeitswege verkürzte. Er machte Spaziergänge mit mir, auf denen wir uns sehr vernünftig unterhielten oder endlose Wortspiele spielten.  Meistens besuchten wir den Botanischen Garten, der damals Teil der Wallanlage war.

Meine Mutter funktionierte. So überspielte sie ihr Trauma. Sie war eine gute Hausfrau, die oft Gäste bewirtete und sich oft bei den Vorbereitungen verletzte, weil sie so unter Stress kam, dass ihr leicht Unfälle passierten. Wir hatten auch öfter Logiergäste, dann war der Onkel meiner Großmutter bei uns, Herbert, der mit seiner frommen Edith in einer winzigen Kate in Nordschleswig wohnte. Merkwürdigerweise kam er einige Male ohne sie, worüber ich nicht nachdachte; vielleicht entfloh er ihr regelmäßig. Früher, so hieß es, sei er  öfter zum "Fischen und Jagen" nach Schweden gefahren, über die Beute gab es eine einhellige und nicht jugendfreie Meinung. Seine Abenteuer aus jungen Jahren wurden in der Familie als geheime Verschlussakte gehandelt, was sehr schade ist, denn das hätte einiges Interessante zu diesem Dossier beigesteuert.
Da aber alle Beteiligten inzwischen in neuen Inkarnationen über den Planeten oder einen anderen wandern, muss ich mich nicht mehr zurückhalten.

Ich ahnte von alledem nichts; ich denke mal, dass ich damals von den Realitäten des Lebens auch selber nichts wissen wollte. Die kleine Tochter unseres Hausmeisters, der bald darauf wegen irgendwelcher Unzuverlässigkeiten entlassen und durch den grundsoliden Nachfolger H. ersetzt wurde, wollte mich einmal ins Vertrauen ziehen und lockte mich auf den Dachboden, wohin ich meinen Roller unbedingt mitnehmen wollte. Ich muss wohl etwa 6 Jahre alt gewesen sein. So saßen wir auf den Dielen, und sie fing an, mir etwas zu erzählen, was ich nicht verstand und aus diesem Grunde auch nicht behalten habe. Ob es richtig sei, wenn jemand dies oder das mit ihr mache? Das ist alles, was aus nebulösen Erinnerungen folgt, nicht wirklich klar auftaucht. Es machte mich äußerst verlegen, offenbar waren das Dinge, über die man in meiner Familie nicht sprach. Um mich aus der Lage zu befreien oder wenigstens einen Ausweg daraus zu erfinden, bohrte ich die ganze Zeit meinen Fuß in eine Mulde des Rollers, in den Winkel, der das Rollbrett am Lenkbrett befestigte. Sie begriff, dass es keinen Sinn hatte, mich ins Vertrauen zu ziehen, denn ich schwieg beharrlich zu ihren Ausführungen, vor allem, weil ich nicht verstand, wovon sie sprach, aber auch, weil das Gespräch mir höchst unbehaglich und peinlich war. Ich trollte mich mit einer gewissen Erleichterung.
Jahrzehnte später kam mir der Gedanke, dass sie vielleicht jemanden brauchte, der sie ein Mißbrauchserlebnis anvertrauen wollte.

 "Sind das die Männer, die den Fuchs schießen?" lautete meine Frage angesichts des bewaffneten Aufmarsches, als ich wohl so 4 oder 5 Jahre alt war. Man ließ mich in dem Glauben; man erzählte Kindern damals nicht so viel.
Ich fragte später doch weiter; mein Vater sagte aber, er wolle mir das lieber noch nicht erzählen. Wir einigten uns darauf, dass er das tun würde, wenn ich neun wäre.
Es kam allerdings schon eher dazu.

Thursday, May 22, 2014

Erinnerungen einer alten Autistin II

Das Kinderbuch "Klein Pear", Vorsatzpapier
Eleanor Frances Lattimore. Thienemann Stuttgart, 1950
Ich sprach von meinem Tageslauf, bevor ich zur Schule kam. Ich hatte zu tun. Aus der Zeitung erfuhr ich, nachdem ich mit ihrer Hilfe lesen gelernt hatte, von Ereignissen in der ganzen Welt, ein paar Jahre später las ich vom Untergang der Pamir und dem Tod einer großen Zahl junger Kadetten, was mich sehr mitnahm, und von der Einnahme Tibets durch die Chinesen. China war mir durch ein Kinderbuch schon ein Begriff, durch die Geschichte von "Klein Pear".  Ich las "Die Welt", hörte meine tägliche Jazz-Sendung aus dem riesigen Holzkasten mit seidig strukturierter Bespannung und sah das grüne Auge dazu zucken.
Stefan Riepl (Quark48)

Das "magische Auge" -- let it shine
 

Es zuckte besonders heftig bei den dramatischen Bläserfanfaren, die zu den Songs mit Frank Sinatra zu keinem Ende kamen, was ich nicht mochte; meine Lieblinge waren auch die meiner Mutter: Ella Fitzgerald und Louis Armstrong. Ich inhalierte meine täglichen Jazzgaben auch nach der Einschulung. Meine Eltern pflegten einen Nachmittagsschlaf zu halten, bei dem sie höchtstwahrscheinlich nicht immer schliefen. Sie waren jedenfalls immer aufgeräumter Stimmung, wenn sie aufgestanden waren, und lobten mich, dass ich so brav und leise gewesen war, was man auf das Radio zurückführen konnte, dem ich unter dem Wohnzimmertisch lauschte, das war ein dreifüßiger Biedermeiertisch. Seine Platte war arg zerfurcht, meine Mutter behauptete, die Rotarmisten hätten auf der Furnierplatte Brot geschnitten, sie kann es gewusst haben, sie hatte 1945 bei ihnen gearbeitet.

Auf einen der Ausläufer des flachen Fußes legte ich ein dickes Kissen und saß in dieser Laube als zufriedene Zuhörerin des Nordwestdeutschen Rundfunks, wie er damals hieß. Es gab ja auch noch den Kinderfunk, den eine läppische Melodie einleitete, tänzelnde Flöten, die zu schwachsinnigen Comicfiguren gepaßt hätten. Oder es gab den betulichen Schulfunk, "Neues aus Waldhagen" und den "Kleinen Tierfreund". Eine weitere Lieblingsbeschäftigung fand oberhalb des Tisches statt, es war die Lektüre des Wilhelm-Busch-Albums, einer zerfledderten Ausgabe von sicher 60 Jahren Alter, die am Anfang von einem prächtigen Kupferstich mit dem Porträt des Künstlers eingeleitet wurde, dazu verschnörkelte Buchstaben und ein Text in Fraktur, den ich ebenfalls schon vor der Einschulung zu lesen imstande war. Die Fähigkeit zu lesen hatte ich schon mit 4 erworben, was meinen Eltern eigentlich nicht recht war. Da ich aber drängelte, dachte mein Vater, es könne nicht schaden, wenn er mir wenigstens ein paar Buchstaben verriet. Ich schrieb also EVA und besaß damit drei Buchstaben. Ich entdeckte einen davon in einem Schriftzug über der Tankstelle, die sich damals an der Ecke Esplanade/Neuer Jungfernstieg befand. Dieser lautete ESSO und lieferte mir weiter nützlichen Stoff. Das dritte Versatzstück war DIE WELT, und damit hatte ich eine solide Grundausstattung, die mich zu weiteren Besitztümern führte. Mit der Verfügung über diese Buchstaben war ich wenige Monate später auch schon in der Lage, eigene Sinnkomplexte zu synthetisieren, und somit war ich in der Lage, meinen Zeichnungen Sprechblasen zuzuordnen und auszufüllen, was ich als sehr nützliche Erfindung aus den Comics der Hausmeister-Jungs kannte.

Es gab inzwischen auch einen kleinen Bruder. Wie es meiner Mutter in dieser Zeit ging, blendet sich aus meiner Erinnerung aus; weder wußte ich von ihrer Schwangerschaft noch von der Tatsache, dass Kinder von Frauen geboren werden. Plötzlich war da ein kleines Kind, in das ich sofort verliebt war, und ich stopfte eilfertig die karierte Decke um seine Füßchen herum fest. Merkwürdigerweise habe ich eine absolut klare Erinnerung an das blaue Karo, aber keine an sein Gesicht.
Ich war glücklich über die Ankunft des kleinen Bruders, und das waren auch die Eltern. Es hieß, meine Mutter hätte damals wieder zu lachen angefangen. Wie auch immer man das auslegen mag.
So etwa hätte das aussehen sollen,
wenn ich nicht aus der Reihe
getanzt hätte

Ich war ein einsames Kind mit mangelhafter Sozialisation. Mein Umgang waren überwiegend erwachsene Verwandte und Freunde und die meist schon sehr viel älteren Kinder dieser Verwandten. Meine Mutter pflegte Kontakte mit der estnischen Landsmannschaft, die in einem der unteren Räume der Evangelischen Akademie eine Kindertanzgruppe aufbaute, damals könnte ich vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Die Leiterin hieß Pärja Inari und war eine wundervolle Frau, mit der meine Eltern sehr gern Kontakt hatten. Die Idee war, dass ich hier ein wenig Anschluß an andere Kinder finden und auch vielleicht Estnisch lernen könnte. So war ich einmal dabei, als die ersten Schrittchen eines Tanzes gelernt wurden. Sofort stellte sich heraus, dass ich aus der Reihe tanzte, was verwunderlich war, weil ich doch schon Anzeichen einer musikalischen Begabung zeigte und alle Lieder rhythmisch und mit der richtigen Tonhöhe singen konnte. Doch so zu tanzen wie die anderen Kinder gelang mir nicht. Pärja Inari beugte sich über mich und umfasste meine Beinchen und versuchte, sie im Takt zu setzen, aber ich muss mich wohl, ohne es zu wollen, gesperrt haben. Sie seufzte und sagte in freundlichem Ton: "Nun, dann hat das wohl keinen Zweck." Ich war erleichtert, wieder an meine eigene Beschäftigung gehen zu können, und ich habe bis heute nicht die Fähigkeit erlangt, in vorgegebenen Schrittfolgen zu tanzen.


Wednesday, May 21, 2014

Sagte jemand, sie sei interessiert?

Das ist natürlich sehr schmeichelhaft. Also erzähle ich ein bisschen aus dem Leben einer nicht diagnostizierten Autistin, die inzwischen die Mitte 60 erreicht hat.

Erinnerungen einer alten Autistin Teil I


Ja, wo fange ich an? Als ich aus dem Elternhaus ging, denke ich mal, denn das ist ja immer der Beginn einer Eigenexistenz.
Ich habe noch lange bei den Eltern gelebt, das war meine beschützende Werkstatt. Auch noch mit Staatsexamen I in der Tasche. Aber langsam wollten sie mich loswerden.
Sie machten sich Sorgen, was "aus mir werden sollte", denn ich war eine versponnene, chaotische junge Frau, die es nicht auf die Reihe kriegte, ihr Zimmer aufzuräumen, aber erstaunliche Bilder malte. Als ich dann eine eigene Wohnung nahm, fing das gleich mit einem Missverständnis an, ich habe nicht begriffen, dass das nur auf Zeit war -- die Vermieterin hatte sich da etwas kryptisch ausgedrückt, aber ich kam nicht auf die Idee, da misstrauisch nachzufragen. Ich war extrem blauäugig und schlecht auf das Leben vorbereitet. Ich hatte einen Lehrauftrag für Kunst und unterrichtete mehr schlecht als recht. Damals waren die Leistungsanforderungen noch viel lockerer als heute. Ich war ja Pastors Tochter im Ort, da gab es dann Förderung.
Also, ich versuche, nicht so auf Gutdünken über mich zu reden, sondern die typischen Autismusprobleme zu beleuchten.
Ich war extrem gutgläubig und ließ mich ausnutzen und hatte teils auch noch Spaß dran. Es gab Leute, die regelmäßig bei mir ein und aus gingen, weil mein Kühlschrank immer voll war. Ich hielt mich für sexuell emanzipiert (Mitte der Siebziger war das auch nicht schwer), weil ich mir jeden nahm, der mir gefiel, aber später habe ich begriffen, dass ich dafür verachtet wurde. Mein Leben war weiterhin chaotisch, meine Grundstimmung seelisch meist überfordert. Ich verliebte mich oft und fast immer in Ungeeignete. Auf die meisten Ereignisse reagierte ich heftig, panisch, aggressiv oder sonstwie unangemessen und stellte durch einen Horrortag fest, dass durch Drogen meine ohnehin leicht hysterische Grundhaltung völlig kippte.
Ich ging dann ins Referendariat, merkte aber, dass mich ein Teil der Seminarleiter überhaupt nicht als Lehrer haben wollten. Einer fragte mich: "Können Sie nicht kleine Bildchen malen?" Ich war sehr gekränkt, teils, weil malen ja das war, was ich am liebsten getan hätte, und es war für mich ein großer Schmerz, dass ich davon nicht würde leben können -- das war mir klar. Dazu kam die Herablassung in der Weise, wie er mir das sagte.
Er hatte wohl keine Ahnung, dass diese Beschäftigung einige Jahre später tatsächlich ein Zubrot sein würde.
(Fortsetzung folgt vielleicht)

Thursday, March 27, 2014

Schmiede das Eisen, solange es heiß ist -- oder: Autistische Kinder unter dem ABA-Hammer

Ich verstehe ja nichts von ABA, lese nur hier und da, dass dadurch Kinder verschiedene Dinge gelernt haben, die sie vorher nicht konnten. Man hat den Eindruck, dass die Vertreter von ABA es eilig haben, sie wollen die kostbare Zeit nutzen, solange das Kind noch klein ist.
Es mag ja im allgemeinen stimmen, dass Kinder in der frühen Kindheit die größten Fortschritte machen und dass das Gehirn später nicht mehr so aufnahmefähig ist.
Mir scheint aber, dass man diese Aussage bei Autisten aus zwei Gründen modifizieren muss, und eine dieser Aussagen hängt mit der "Theorie von der Intensiven Welt" zusammen. Die Autoren behaupten und belegen, wie in den angegebenen Quellen nachzulesen ist, dass das autistische Gehirn im Gegenteil zur üblichen Ansicht Ruhe braucht, um nicht in seine Inselbildung zu verfallen, die ein Not-Aus für das überwältigte Kind bedeutet.
Das Kind wird also nach seinem eigenen Tempo lernen, wenn man es in Ruhe lässt.
Wenn es bestimmte Dinge nicht lernt, also z.B. nicht spricht, hat es vielleicht seine Gründe, und das darf uns nicht beunruhigen. Denn da das Gehirn hyperplastisch ist, also auch noch in späterem Alter weit lernfähiger ist als das neurotypische Gehirn, kann alles Mögliche an Lernstoff nachgeholt werden, wenn der einzige Lernantrieb da ist, der ein autistisches Kind bewegen kann, nämlich Motivation.
(Wir Autisten sind nämlich verdammte Genussmenschen, wir tun nur, was uns Spaß macht, aber das machen wir dann so überwältigend gut, dass immer noch genug für die Gesellschaft abfällt. Wir tun es nur nicht dann, wenn man es von uns erwartet. Aber das ist ja nicht unsere Schuld ;-) )
Jedenfalls habe ich trotz einer 5 in Mathe im Abi mir selber beigebracht, wie man Dreisatz-Rechnungen mit Bogengraden und -minuten rechnet; mit 50 kam ich in einem Test auf eine durchschnittliche Begabung für Mathe.
Wer macht sich da denn nass, wenn sein Aspie-Kind beschlossen hat, dass es erst einmal der Welt noch nichts zu sagen hat? Vielleicht wartet es nur auf einen Grund zum Reden.

Auszug aus einem Kommentar zur einem Artikel der ZEIT online:
http://www.zeit.de/.../03/autismus-kinder-verhalten/seite-1
"Die hier vorgestellte Therapie empfinde ich als grausam, weil sie dem Kind jede Form von Autonomie und Würde untersagt. Es ist in der Tat eine Dressur. Dass dabei positive, messbare Ergebnisse erzielt werden, ist aus meiner Sicht kein Beweis für ihren Erfolg. Inwieweit sich das Ganze am Ende traumatisch auswirkt, ist eine Frage, die hier nicht hinterfragt wird. Dass diese Methode der typisch amerikanischen Mentalität entspricht, ist außerdem kein Zufall. Ich frage mich: Wie soll ein autistisches Kind lernen sich in andere hineinzuversetzen, wenn es die gleiche Erfahrung selbst nicht macht? Des weiteren fehlt mir, dass auch ein autistisches Kind die Erfahrung machen darf, dass es so, wie es geboren wurde, liebenswert und richtig ist."

Tuesday, February 25, 2014

Mimik als Eintrittskarte

Die Autorin mit 8 Jahren, nach langen
vergeblichen Aufforderungen zu lächeln
Die Autorin mit 27, immer noch
in ihrer Sturm-und-Drang-Zeit




Ist es nicht verblüffend, wie verschieden wir uns selbst und andere uns sehen? Die Mimik, die in unserer Gesellschaft als verbindlich und freundlich angesehen wird, ist zum Teil eine kulturelle Verabredung, die gelernt wird, und zwar in einer recht frühen Lebensphase. Es gibt aber auch mimische Zeichen, die angeboren sind, zum Beispiel das Augenbrauen-Hochziehen, wenn man jemanden erkennt, das ist auf der ganzen Welt in allen Kulturen nachgewiesen. Es wäre interessant zu erfahren, ob die Strukur des autistischen Gehirns die mimischen Zeichen nicht erfassen KANN oder ob sie verpasst werden, weil das autistische Kind mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist.

Tatsache scheint aber zu sein, dass die "verbindliche, freundliche Kontakt-Mimik" die Eintrittskarte für fast alle Typen von Gesellschaft ist, ob nun Freundeskreise, Seminargruppen, Bewerbungsgespräche, Vereins-Beitritte, überall kommt es offenbar viel mehr auf die Zeichen an, die wir mit Augen, Mund, Gesichtsfalten, Haltung, Händen vermitteln, um zu zeigen, dass wir dazugehören wollen und können, als auf Talent und Qualifikationen.
Wer das nicht beherrscht, bei dem wird vermutet, dass er an der Zugehörigkeit nicht wirklich interessiert ist oder die nonverbale Kontaktsprache nicht beherrscht. Autisten sind vor allem dafür bekannt, dass sie nicht in die Augen schauen. Das wird von den NT (Neurotypischen) als Unehrlichkeit gelesen. Forscher vermuten wiederum, dass der Blick in die Augen dem Autisten zuviel abverlangt, dass -- wie es auch in der Theorie der "Intensiven Welt" ausgesagt ist, der Blick in die Augen eines anderen Menschen zu intensiv ist für den Autisten. Es ist ein Kontakt, der zu intim sein kann, und man darf auch nicht vergessen, dass es unter Tieren ein Akt der Aggression ist, einem anderen direkt in die Augen zu sehen. Tiere vermeiden es, einen Artgenossen durch diese Konfrontation zu reizen; Sie haben es sicher schon oft erlebt, dass Ihr Hund oder ihre Katze Ihrem Blick ausweicht.
In die Augen zu sehen ist also im zwischenmenschlichen Kontakt ein Signal, dass Sie sich einer Konfrontation stellen können. Sie zeigen damit, dass Sie bereit sind, einen Konflikt auszuhalten. Es ist also eigentlich ein aggressives Signal, das aber notwendig ist, um in eine Gemeinschaft von Homo Sapiens aufgenommen zu werden, in einen Club, in eine Firma, in eine Familie. Wenn Sie jemanden fragen, warum es wichtig ist, dass man sich in die Augen sieht -- zum Beispiel, wenn man die Hand drückt oder mit dem Glas anstößt --, dann wird als Grund wahrscheinlich die Ehrlichkeit angeführt. In Wirklichkeit haben Sie aber ein Individuum darauf überprüft, ob es aggressiv genug sein kann, um für die Gemeinschaft einzustehen.
Der Autist ist ein Einzelkämpfer. Weder ist er sonderlich daran interessiert, für die anderen einzustehen, noch erwartet er diese Art des Opfers von anderen. Darum geht er bei Augenkontakt eher davon aus, jetzt einem aggressiven Blick auszuweichen, wie eine Katze es tut, wenn ihr nicht nach Konfrontation zumute ist.

Wednesday, October 30, 2013

Rache ist billig

Anglismen und Amerikanismen sind vor allem beim Sprechen ärgerlich, weil man dabei einen ganz anderen Klang erzeugen muss als beim Deutschen. Schon damit wird das englische Wort zum Fremdkörper. Auch führt die ganz andere Einbettung vieler Wörter in Redensarten und in die Grammatik zu Verschiebungen der Bedeutung gegenüber dem Originalgebrauch. Das ist als wollte man Öl und Wasser mischen, es gibt immer Schlieren auf der Oberfläche.
Übrigens habe ich überhaupt nichts gegen das Englische, ich habe just in einem Grammar Test 97% erzielt, und der war für Amerikaner gedacht, der Durchschnittserfolg lag bei 91%. Gerade darum machen viele Anglismen im Deutschen mich krank. Ich denke da nur an die modischen "Body Bags", was aber "Leichensack" bedeutet.
Oder die Payback-Aktionen von Supermärkten, die sich also auf diese Weise an ihren Kunden rächen wollen.
"Payback" heißt "Rache".
Haben wir das verdient?

Tuesday, October 29, 2013

Je weniger logisch, desto langlebiger

Auch eine kleine Maria (mein zweiter
Vorname) mit blonden Haaren und
blauen Augen
Legenden halten sich mit einer solchen grauenhaften Hartnäckigkeit, dass man am Verstand der Menschen noch mehr zweifeln möchte, als man es sowieso schon tut. Da haben die Behörden in Griechenland eine kleine Maria aufgegriffen, die sich von den Menschen, bei denen sie lebt, krass im Äußeren unterscheidet. Die Eltern von sehr dunkler Hautfarbe -- die leiblichen Eltern können das nicht sein, schloss die griechische Polizei messerscharf. Und wenn sie es nicht sind, müssen sie das Kind gekidnappt haben.

Ich finde, diese Begebenheit stellt den Behörden am Rande Europas ein grauenhaftes Zeugnis aus. Haben die niemals zwei wesentliche Punkte in ihrer Schulung genossen? -- Moderne Informationen über Europas Minderheiten, wenigstens grobe Grundfakten über ihre Situation und die Vorurteile gegen sie sollten doch inzwischen zur grundlegenden Schulung von Staatsdienern in der EU zählen, genau wie der Grundsatz einer vorurteilsfreien Ermittlung aufgrund der reinen Faktenlage. Nein: "Zigeuner entführen blonde Kinder."

Dazu fallen mir gleich ein paar Fragen ein:
-- Haben sie es nötig, sich noch mehr Belastung aufzubürden, in ihrer materiell und sozial angespannten Lage?
-- Können sie es sich bei den sowieso schon bestehenden Vorurteilen der ansässigen Bevölkerung leisten, etwas zu tun, was ihnen noch mehr Hass einträgt?
-- Wie kommt es zu der verrückten Idee, sie hätten es gekauft? Im Gegenteil, eigentlich hätte die leibliche Mutter Kostgeld bezahlen müssen, was sie aber nicht konnte.
-- Warum sollten sie ein blondes und blauäugiges Kind bevorzugen? Das Vertraute ist uns doch oft lieber als das Fremde. Dieser Gedanke, dass "die Zigeuner unbedingt ein blondes Kind stehlen wollen" ist mit einer geradezu mittelalterlichen Unreflektiertheit Ausdruck von Ethnozentrik. Er gehört ebenso zum Grundbestand des faschistischen Denkens.

Inzwischen sind die Eltern von Maria gefunden. Es ist ein Elternpaar, das sein Kind bei dem Roma-Paar besser aufgehoben sah. Auch sie sind viel dunkler von Teint als Maria. Wer glaubt, dunkelhäutige, schwarzhaarige Menschen könnten keine blonden Kinder haben, der kann sich ja mal in den Dörfern Süditaliens umsehen, hier geistern noch ein paar normannische Gene herum, und Familien mit dieser Farbverteilung habe ich in den Sechzigern selber gesehen. Diese Kinder werden später dunkel, hörte ich. In diesem Fall scheint es sich um eine Tendenz zum Albinismus zu handeln.

Vielleicht sind auch Marias Eltern Roma, so wie die Pflegeeltern. Das Vertrauen, das da herrschte, lässt da vermuten; gelesen habe ich es nicht (Update: Sie ist ein Roma-Kind. Haha!). Diese Menschen, die sich die Mühe gemacht haben, auch für Maria zu sorgen, die ihr sogar ein hübsches Eckchen um ihr Bett eingerichtet haben, sind noch in Haft, weil man ihnen Missbrauch von Kindergeld vorgeworfen hat. Vielleicht haben sie einfach eine weniger bürokratische Auffassung davon, zu welcher Familie welches Kind gehört.
Und sie sollen sie zum Betteln geschickt haben. Wer sich darüber aufregt, den möchte ich fragen, ob er bereit wäre, Marias Pflegevater als Hausmeister anzustellen. Nein? Nun, welche Jobchancen bieten sich ihm dann noch?
Genetische Abstammung wird überschätzt. Bei den Innuit war es Gang und Gäbe, dass man Kinder eines Clans, unbeachtlich der leiblichen Herkunft, unter den Elternpaaren verteilt hat, damit die gute Versorgung aller gewährleistet war und damit kinderlose Paare auch eine Chance hatten, Kinder im Umfeld zu haben, die im Heranwachsen auch Helfer bei der Jagd wurden.

Was lehrt uns diese Geschichte?
Es gibt noch unendlich viel aufzuarbeiten in Europa. Vorurteile und die Benachteiligung unserer Minderheiten sind der Grund, wenn Europa an vielen Stellen nicht auf der Höhe der Zeit ist. Gerade die Menschen, die im Dienst des Staates arbeiten, wie die Polizei oder Armeen, müssen in dieser Hinsicht dringend geschult werden. Dafür sollte die EU-Komission Richtlinien erarbeiten und durchsetzen statt Apfelgrößen zu normieren.

Über diese Geschichte in der Süddeutschen