https://www.aerzteblatt.de/archiv/22270/Radioaktive-Substanzen-Stasi-nahm-Gefaehrdung-von-Menschen-in-Kauf
Quote:
"A report by the Gauck authority shows: The Ministry for State Security also used radioactive material to monitor GDR opposition members.
Members of the opposition in the GDR were not deliberately or deliberately harmed by X-rays or radioactive substances by employees of the Ministry for State Security (MfS). However, the Stasi accepted the risk to people's health when dealing with radioactive substances. This emerges from a report that employees of the Education and Research Department of the so-called Gauck Authority presented in mid-March."
The Gauck authority was a special task force of the Government of the reunited German Republic which had been created in order to research the crimes of the communist system.
Warum kümmerst du dich um sowas?
Sonntag, 14. April 2024
Something I cannot post in the controlled media
Dienstag, 2. Januar 2024
Maksym Eristavi: Über meine Irrtümer...
Reden wir mal über den kolonialen Blick auf die Ukraine in den Nachrichten. Und wie ich half, ihn zu legitimieren.
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| ‘Meine Heimat (Ein Bomben-Schutzraum, innen und außen)’ von dem ukrainischen Künstler aus Mariupol Daniil Nemyrovskyi. Folgen Sie ihm und verbreiten Sie hier seine Artbeit. |
Ein neues Jahr, ein neues Ich, oder? Ich hätte es gerne für mich. Unglücklicherweise gibt es für einen Ukrainer kaum eine Chance auf einen Neuanfang, solange das russische faschistische Imperium noch existiert. Aber auch die eigenen Fehler der Vergangenheit einzugestehen und aus ihnen zu lernen, ist Teil der Dekolonisierungsreise. Genau das werde ich mit dem letzten Newsletter dieses Jahres tun: Ich werde Ihnen die dummen Dinge offenlegen, die ich getan habe, als ich für westliche Nachrichtenredaktionen über Osteuropa berichtete. Sie fragen sich vielleicht, warum ich im Newsletter über den russischen Kolonialismus, über die problematische Berichterstattung westlicher Nachrichtenredaktionen, über ehemalige russische Kolonien sprechen sollte? Eigentlich bin ich davon überzeugt, dass es wichtig ist, zu verstehen, warum der russische Kolonialismus so viele Generationen lang im Verborgenen blieb. Diese persönliche Geschichte ist auch ein gutes praktisches Beispiel dafür, wie der Kolonialismus einen Menschen ruinieren kann.
Nächstes Jahr ist es 22 Jahre her, seit ich Journalist geworden bin. Und ich habe mehr als die Hälfte dieser Reise damit verbracht, der Außenwelt meine Heimatregion zu erklären und darüber zu berichten. Tragischerweise war der Großteil dieser Berichterstattung von der Erzählung „Die Ukraine/Osteuropa ist beschissen“ geprägt. Nicht, dass die Ukraine keine Probleme gehabt hätte. Es gab sie tonnenweise. Darüber hinaus ist die kritische Analyse ein wesentlicher Bestandteil des öffentlichen Dienstes des Journalismus. In meinem Fall handelte es sich jedoch um eine manipulative, einseitige und traumabedingte Berichterstattung.
Da ich diskriminiert wurde, weil ich queer und arm war und eine durch den Kolonialismus stark verfälschte Identität hatte, schlug ich auf andere Missbrauchsopfer ein und nicht auf den Täter. Ich lebte von allerlei kontroversem Unsinn: Bewaffne die Ukraine nicht, weil sie korrupt ist, unterstütze die Ukraine nicht, weil sie homophob ist, habe kein Mitgefühl für die Ukraine, weil sie rechtsextrem ist.
Ich habe jeden lahmen antiukrainischen Ausdruck ausprobiert, den es gibt. Viele Ukrainer hassten meine Berichterstattung wirklich. Manche werden mir das nie verzeihen. Aber andere westliche Reporter und Redakteure waren davon begeistert. Ziemlich schnell wurde ich ein heißes Thema und einer der prominentesten englischsprachigen Journalisten, die über Osteuropa berichteten. Ich würde in den Kreis der westlichen Fallschirmreporter aufgenommen. Westliche Redakteure würden mir nachjagen. Für ein ukrainisches Kind, das aus dem Nichts kommt, würde das meine Anerkennungswerte in die Höhe treiben. Während einiger Selbstreflexionsepisoden habe ich mich gefragt, warum so viele Ukrainer denken, dass meine Berichterstattung scheiße ist? Aber dann würde die verinnerlichte Minderwertigkeit zum Vorschein kommen, und ich würde mir versichern, dass westliche Berichtsstandards überlegen sind; Das ist der Preis, den man dafür zahlt, „unvoreingenommen“ zu sein, und die Ukrainer sind einfach zu „rückständig“, um das zu verstehen. Aber je weiter ich auf dem Weg zu meinem wahren Selbst wurde, desto stärker wurde meine Entkolonialisierung und ich wurde ein erwachsenerer Mensch — diese Art der narrativen Berichterstattung blieb letztendlich hinter meinen Maßstäben zurück. Mir ist klar geworden, wie falsch das ist. Ratet mal, was als nächstes passierte?
Diese Blase westlicher Fallschirmreporter drängte mich schnell raus, westliche Redakteure hörten auf, meine Pitches zu mögen, und ich fing an, überall Jobs zu verlieren. Die Themen, die ich hervorheben wollte, wurden von westlichen Nachrichtenredaktionen überhaupt nicht nachgefragt. Den kolonialen Blick der westlichen Berichterstattung über Osteuropa zu kritisieren, sei „undankbar“. Sich auf ein Bewusstsein für den russischen Kolonialismus zu drängen, sei „lächerlich“ und „weit hergeholt“. Die Konzentration auf Lösungsjournalismus, der die Stärkung von Geschichten in den Mittelpunkt stellt, „würde sich nicht verkaufen“.
Zuerst war ich verwirrt. Bin ich ein beschissener Journalist? Bin ich kein guter Schriftsteller? Bin ich im falschen Beruf? Ich beschloss, die Berichterstattung aufzugeben und mich weniger auf die öffentliche Arbeit zu konzentrieren, nämlich die Unterstützung von Journalistenkollegen in der gesamten Region. Doch je öfter ich indigene Journalisten wie mich traf und je mehr wir die Belege verglichen, desto deutlicher wurde ein bestimmtes Muster. Ein Muster eines bevormundenden kolonialen Blicks. Ein Muster einer narrativen Kultur der westlichen Berichterstattung über die Ukraine.
Ich fand heraus, dass es sicherlich nicht bei mir angefangen hat. Nehmen wir zum Beispiel das Walter-Duranty-Debakel von 1932 bei der New York Times, als ein westlicher Journalist einen Pulitzer-Preis erhielt, weil er russische Propaganda nachplapperte und einen der schlimmsten Völkermorde in der Geschichte der Menschheit leugnete. Dieser „Blick“ nahm im Jahr 2022 mit dem neuen Völkermord in der Ukraine eine dunklere Farbe an.
„Während ich die turbulenten ersten Wochen des ausgewachsenen Krieges in Lemberg (Lvif) durchlebte, wurde ich aufgefordert, vor Dutzenden Medien zu sprechen, von Al Jazeera English bis hin zu BBC, CNN und NTD. In diesen Interviews wurde ich normalerweise mit einem internationalen Experten zusammengebracht, der einen objektiven analytischen Rahmen für meine emotionale Erfahrung aus erster Hand lieferte. Meine Berichte über den Widerstand der Ukraine würden mit der Andeutung meines Gegenübers über den unvermeidlichen Untergang der Ukraine „ausgewogen“ sein. Ich war eine patriotische Einheimische, die naiverweise verlangte, Russland mit Sanktionen zu bestrafen und den Ukrainern die Mittel zu geben, sich zu verteidigen und den Rest der Welt vor dem zu schützen, was Russland auf sie loslassen könnte. Mein normalerweise männlicher westlicher Amtskollege lieferte ein „realistisches“ Gegenmittel zu meinen leidenschaftlichen Reden; „Er war bereit, die militärischen Fähigkeiten Russlands und die Defizite der Ukraine aufzuzählen“, schreibt die ukrainische Denkerin Dr. Sasha Dovzhyk.
Ein weiterer schädlicher Aspekt dieses „Blicks“ ist, dass er tief in der imperialen Weltanschauung verankert ist. „Jedes Mal, wenn ich eingeladen werde, über die Ukraine zu sprechen, bemerke ich ein unverkennbares Diskussionsmuster: Früher oder später (normalerweise früher) bittet mich jemand, über Russland zu sprechen“, schreibt die ukrainische Historikerin Olesya Khromeychuk in ihrem unverzichtbaren Essay über verzerrte westliche öffentliche Gespräche über die Ukraine.
„Um die Ukraine wirklich zu verstehen, müssen wir den Ukrainern zuhören, die mit ihren eigenen Worten und auf ihre eigene Art und Weise über sich selbst sprechen. Wir müssen auf ihr Wissen über sich selbst vertrauen und unsere eigene imperialistische Weltanschauung in Frage stellen. Schließlich ist es die Gewohnheit, auf eine „Großmacht“ zu hören, die dazu geführt hat, dass wir uns auf den Täter konzentrieren, obwohl wir uns auf die Nationen konzentrieren sollten, die sie angreift. Es hat dazu geführt, dass wir Russland mit dem Land verwechseln, das wir gerne wären, und nicht mit dem, das es wirklich ist, und hat uns dazu gebracht, unsere Energie darauf zu konzentrieren, das Überleben Russlands zu sichern, anstatt sich auf seinen Untergang vorzubereiten.“
Aber die Dinge ändern sich. Mehr ukrainische Journalisten verfügen über größere Plattformen, auf denen sie authentisch sein und ihre Berichterstattung ohne westliche Gatekeeper des Establishments erweitern können. Herausragender ukrainischer Journalismus wird auf Englisch und anderen Fremdsprachen betrieben. Von Ukrainern durchgeführte Projekte, die ungefilterte ukrainische Stimmen weltweit verstärken, erreichen Millionen von Menschen. Es gibt auch immer mehr westliche Journalisten — vor allem mit unterschiedlichem Hintergrund —, die herausragende Berichte über die Ukraine mit einem Gespür für Nuancen und Respekt für indigene Stimmen und Geschichten schreiben. Aber es gibt immer noch zu viele, die die alten Pfade beschreiten.
Free Press Eristavi ist der erste Newsletter, der Sie über den russischen Kolonialismus aufklärt. Der Eröffnungsessay ist öffentlich; Die kuratierten Leselisten liegen hinter der Paywall. Ihr kostenpflichtiges Abonnement wird seine Mission vorantreiben, das Bewusstsein für den russischen Kolonialismus zu schärfen. Helfen Sie mit, das Imperium zu beenden.
Sonntag, 27. August 2023
Typografen und Raumpfleger
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| Jan Tschichold |
Es gibt unter den Musen verschiedene Charaktere, nämlich
1. Rampensäue wie Theater, Musik, Skuptur, Bildende Kunst
und
2. Bescheidene Putzkräfte mit Schwerpunkt "Nutzbarkeit", dazu gehört größtenteils die Architektur, das Design von Gebrauchsgegenständen und unbedingt Typografie und Satz.
Wenn ein Architekt ein Gebäude entwirft, dann kann er seiner Kreativität zum Teil ein sichtbares Denkmal setzen, so wie die Musik, das Theater und die Skulptur aus dem Vorführen leben. In großen Teilen ist er aber der Funktionalität unterworfen und muss Himmelsrichtungen, Klima, Bodenbeschaffenheit, gesetzliche Vorschriften und soziale Aspekte und vieles mehr in seine Planung einbeziehen.
Der Künstler kommuniziert gern direkt und auffällig mit dem Betrachter. Bei den ersten beiden ist diese Kommunikation in Echtzeit möglich, bei der Bildenden Kunst dann, wenn der Künstler ein Publikum zulässt, was vor allem bei modernen Formen der Aktionskunst geschieht.
Wenn der Architekt sich aber da künstlerisch auslassen möchte, wo es um Funktion geht, muss er sich absolut zurücknehmen. Wenn er es witzig fände, die Abstände der Treppenstufen verschieden zu gestalten, weil das seinen Treppen eine künstlerische Note verleihen würde, dann würde er gesteinigt werden von denen, die auf seinen Stufen stolpern.
Das Lesen von Druckwerken ist so eine Stufenfolge. Die Kunst ist hier, die Kunst nicht bemerken zu lassen. Der Leser darf nicht stolpern.
Typografie und Satz sind dienende Künste. Sie müssen sich ganz in den Dienst der Funktion stellen. Je weniger man von ihnen bemerkt, desto zufriedener wird der Leser sein. Dazu gehört Bescheidenheit, genau wie eine Putzfrau ihre Arbeit ja auch nicht signiert. Man merkt nur, wenn sie nicht da war. War sie da und ist sie gut, bemerkt es niemand. Trotzdem ist auch sie zufrieden.
Der Spielraum für künstlerischen Selbstausdruck in der Schriftgestaltung ist winzig. Alle optischen Signale dürfen nur der Lenkung auf dem Lesepfad dienbar sein, sonst verwirren sie zwangsläufig und sollten vermieden werden.
Schon der Anblick von Ordnung in einem typografischen Werkstück ist Teil des Genusses für den Leser.
Und es ist für den Setzer eine Schulung in innerer Disziplin, die ihm ermöglicht, die äußerliche Ordnung herzustellen, die den Leser beglückt, weil sie ihn nicht stört, nicht ablenkt, sondern sich fährt wie ein gut designtes Auto.
Ein epochemachender Typograf:
http://tipografos.net/fonts/Jan-Tschichold-DE.pdf
Montag, 22. August 2022
Klimahäuser im Klimawandel
Die Baukunst muss sich auf eine neue Lage einstellen, die uns zwingen wird, Traditionen aufzugeben. Stattdessen werden wir von den Möglichkeiten der mediterranen Bauweisen lernen können.
Innenhöfe antiker Paläste im Mittelmeerraum haben oft eine enge, hohe Form. Die Gebäude sind nach außen eher verschlossen. Folgender Effekt entsteht vor allem dann, wenn die Dächer in den Hofraum hineinragen: Die kühle Nachtluft sinkt in den Hof, weil sie schwerer ist. Die warme Luft des Tages steigt auf und wird von der kühleren verdrängt. Sie sammelt sich am Boden des Hofes und steigt nach und nach auch in die Räume, sofern die Fenster offen stehen.
Tagsüber erwärmt die Sonne die Fassaden, die ihr ausgesetzt sind, doch hält sich im Schatten die Nachtluft noch einige Zeit, da sie schwerer ist. Deshalb kann sie nicht nach oben entweichen, sofern der Hof rundum geschlossen ist. Hier ist das vorgezogene Dach nützlich, um die Sonnenstrahlen abzuschirmen.
Man sieht auch oft Galerien, die um die Höfe herum in 2-3 Etagen angeordnet sind. Auch damit wird Schatten geschaffen und der Hof-Effekt ausgenutzt.
Innenhöfe sind möglicherweise die Lösung, um mit einer veränderten Bauweise dem Klimawandel zu begegnen. Gartenhöfe mit Sträuchern und Bäumen wären eher als freistehende Solitär-Häuser geeignet, den Menschen einen angenehmen Lebensraum zu bieten, ohne allzuviel Energie für Kühlung und Heizung aufzuwenden. In unseren Wintern wiederum hätten solche Höfe den Vorteil, vor Wind zu schützen und so Heizung zu sparen. Solarzellen und Solarthermie könnten gerade in der heißen Zeit direkt die Klima-Anlagen speisen und sie so neutral zu gestalten und Badewasser ohne Energiezufuhr zu verschaffen, wie es in der Türkei und anderen Ländern mit ähnlichem Klima schon fast selbstverständlich ist.
Es gab eine Zeit, da man offen und weit baute, um Licht und Luft in die Wohnsiedlungen zu lassen. Die Hof-Bauweise hat den Nachteil, stark gegen Wind abzuschirmen. Dieser entsteht im Wechsel der Tageszeiten als Aufwind und als Absinken kalter Luftmassen. In solchen Höfen wäre tatsächlich Rauchen und Grillen zu vermeiden.
Vielleicht gehen wir einer Zeit entgegen, in der mit neuen Bau- und Umbauformen experimentiert wird.
(Grafik und Text: Bloginhaberin Eva)
Donnerstag, 4. August 2022
Es gibt in der Genderfrage drei Parteien
1. Eine Fraktion, die gar nicht wirklich für eine gesellschaftliche Teilhabe der Frauen an der Gesellschaft eintritt, alte weiße, schwarze, braune, gelbe und rote Männer.
2. Eine überzeugte Gruppe von Menschen, die glauben, sie könnten durch sprachliche Weichenstellung eine Teilhabe der Frauen an der Gesellschaft fördern.
3. Eine Gruppe, zu der ich auch gehöre, die zwar leidenschaftlich dafür plädiert, dass die Leistungen von Frauen ganz wie die der Männer anerkannt werden, die aber glauben, dass ein sprachliches Gendern dies nicht fördern wird, schlimmer noch: Es könnte kontraproduktiv sein.
Das wäre es nicht nur durch den Unwillen an teilweise bizarren sprachlichen Formen, die auch nicht nötig sind, denn wenn ich die "Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem Seminar" begrüße, investiere ich die zwei Sekunden mehr in Höflichkeit. So viel Zeit muss sein.
Wie kam es eigentlich, dass die Schwulen in überschaubaren Zeiträumen eine Emanzipation zustandebrachten, um die die Feministinnen sie eigentlich beneiden müssten?
Sie nahmen das Wort "schwul" und machten es zu ihrer Waffe, anstatt zierlich drumherum zu tanzen. Sie warfen es jedem stolz entgegen, der nicht damit rechnete, dass man es stolz verwenden könne. Sie riefen den Pride March ins Leben.
Warum machen wir Frauen es nicht ebenso und doktern nicht an der Sprache herum, sondern nehmen sie, wie sie ist? Nennen wir uns mit Stolz Schriftsteller, Musiker, Wissenschaftler, Künstler, Architekt.
Ich bin sicher, dann wird unsere Leistung ernst genommen. Vielleicht zum ersten Mal.
Montag, 25. April 2022
Anmerkungen zu den Konsequenzen der Reform
Samstag, 27. Februar 2021
Grundsätzliches zum scharfen "S"
Oder: Die merkwürdige Karriere eines langen S zu einem Alien
Das ist aber nur dann richtig, wenn es sich um Fraktur oder um altdeutsche Schreibschrift handelt.
Die neue Regel hat dazu geführt, dass man inzwischen ein ß auch in einer Zeile von Versalien akzeptiert, was ich für einen schrecklichen Fehler halte. Denn international ist es völlig unverständlich, und dass die Verwechslung des "großen" ß mit B hoffentlich dieser Unsitte ein Ende setzt, ist mein Gebet.
Nur in der Schweiz ist man vernünftig und hat dieses Fossil getilgt. Hier wird konsequent "ss" geschrieben. Das ist auch folgerichtig, wenn man die Interessen der italienischen und französischen Schweizer berücksichtigt.
Was für ein Segen es doch sein kann, in einem Vielvölkerstaat zu leben.
Donnerstag, 9. Januar 2020
So doof bin ich auch
Vom "weiblichen" Plural
... wurde ich mit leisem Räuspern darauf hingewiesen, dass es sich nur um ein grammatisches Gender handle. Danke. Ist mir bekannt.
Was mich aber vor allem amüsiert, ist die Tatsache, dass dieses Gendern politisch ja eher von links kommt, jedoch scheint die philosophische Grundlage linker Politik — nämlich der Marxismus, der ja die bis heute grundlegendste Analyse der Mechanismen von Ausbeutung geliefert hat — glatt vergessen zu sein.
Ich bin kein Marxist. Glaube ich. Und schon gar keine Marxistin. Ich hänge keineswegs dem Glauben an, dass ein Umsturz der Besitzverhältnisse von Produktionsmitteln alle Leiden der Welt beseitigt. Sprachgebrauch kann mühelos integriert und zur Gewohnheit gemacht werden, bleibt bloßes Dekor, ändert nichts, aber auch gar nichts an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Und so ist es auch mit Bildern. Was hat der Marienkult zur Verwirklichung einer weiblichen Priesterschaft beigetragen?
Na, bitte.
Zurück also zum Unterschied zwischen dem grammatischen "die" und dem biologischen "die".
Dieser Unterschied ist ja nur eine Beschreibung des heutigen Gebrauchs, aber wie, bitte, ist er denn mal entstanden? Was hat dazu geführt? Der Kern ist nun einmal, dass die weibliche Anrede irgendwann — vor 1000 Jahren?? — als höflicher empfunden wurde. Da führt kein Weg dran vorbei.
Und noch mal zum Mitschreiben: Gendern taugt als Diagnose von gesellschaftlichen Verhältnissen, ja. Aber nicht als Kur für Unwuchtigkeiten. Die müssen sozial und politisch bearbeitet werden. Die Sprache allein schafft das nicht, selbst ein verändertes Bewusstsein führt noch nicht zwangsläufig zu Fakten. Komisch eigentlich, dass Menschen, die sich politisch links verorten, nicht einmal so viel von Marx‘ Gedanken verstanden haben, der sagte, „Sein schafft Bewusstsein“. Nach dem Philosophischen Materialismus können nur Veränderungen der realen Grundlagen das Denken verändern. Nach Marx (nicht mein Taktgeber, aber ich kenne ihn) ist Bewusstsein die Folge der gesellschaftlichen (Besitz-)Verhältnisse.
Die Geschichte des „Sie“ würde also nach dieser Ansicht auf eine ursprünglich matriarchale Gesellschaft hindeuten, wie lange sie auch zurückliegen mag. Und nur das interessiert mich.
Folgen wir also der marx’schen Doktrin, so würden wir von Stund an aufhören, uns über sprachliches Gender den Kopf zu zerbrechen.
Sonntag, 4. August 2019
Es ist nicht zu fassen.
Irgendwelche Namen sollen da nicht vergessen werden.
Wen habt denn IHR schon zu betrauern?
Oh, ich hätte da Namen, die nicht vergessen werden dürfen.
https://www.derwesten.de/politik/das-sind-die-zehn-mordopfer-der-nsu-zelle-id7917310.html
Und dann auch noch die hier.
http://www.stolpersteine.eu/
Freitag, 19. Oktober 2018
Autoren rezensieren Autoren
Seien wir doch froh, wenn Autoren zur Feder greifen! Sie wissen um die Schwierigkeiten, um die Mühe, die es kostet, ein Buch fertigzustellen. Sie erkennen die Ursachen eines Scheiterns und sind vielleicht so kollegial, der Kollegin einen Hinweis zu geben. Autoren können andere Autoren coachen, gegen Honorar oder auch ohne, ich kenne da wunderbare Beispiele. Sie können zeigen, dass es gerade nicht der Neid ist, der ihre Feder bewegt.
Samstag, 10. Februar 2018
Mit Pomp in der Typo-Szene gefeiert:
Das große ß
Ja, was sich anhört wie ein Karnevalscherz, ist Realität. Die Verwendung eines Großbuchstaben für das "scharfe S" ist offiziell. Das halte ich sowohl sprachlich als auch ästhetisch als auch schriftgeschichtlich für eine Katastrophe. In einem typographischen Forum diskutierte ich mit Typografen über dieses meiner Ansicht nach monströse Objekt. Sie entgegneten mir, auch das W sei ja nicht im lateinischen Zeichensatz enthalten, sondern eine Verdoppelung des V. Der Vergleich hinkt jedoch, denn ich führte ins Feld, daß ein ß sich aus einem langen kleinen s und einem Schluß-s zusammensetzt, wie nebenstehendes Dokument aus der italienischen Renaissance einwandfrei belegt. Seltsamerweise wehrten sich die Teilnehmer an diesem Forum auch gegen so offensichtliche Belege und verwiesen nun wieder darauf, daß so alte Zeichen nicht mehr für uns verbindlich sein könnten.

Auf diesem Beispiel (links) sieht man die von dem geschichtsbewußten Typografen Zapf geschaffene Type Aldus. Sie heißt so nach dem venezianischen Verlag, der sich auf Typografen wie Bembo stützte. Das oben gezeigte Blatt ist typisch für die Schriftgestaltung dieser Zeit.Es ist mir unbegreiflich, wie man sich gegen so schlagende Beweise sperren kann. Die einzige Erklärung ist: Ein neues Zeichen zu digitalisieren -- was ich früher selbst gemacht habe -- ist ist eine lukrative Arbeit. Und da die Zeichensätze für den digitalen Satz meistens von ITC, Adobe und anderen Schriftschmieden kommen, ist die Schaffung eines neuen, nur für den deutschen Sprachraum nutzbaren Zeichens eine verlockende und so schnell nicht endende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
Ein ß gehört nicht in eine Versalreihe. So war es immer. Es kann gar nicht so gestaltet werden, daß es nicht doch ein Fremdkörper wäre.
WEIßER ZAUBER stand über dem Weihnachtsmarkt in unserer Stadt. Weiberzauber?
GROßE KUNSTAUSSTELLUNG. Grobe Kunstausstellung? Ja, Kunst ist nicht immer etwas für Zimperliche.
FAßBRAUSE. Fab-Brause? Wie kann man von einem Ausländer, der das Deutsche nicht vollkommen beherrscht, erwarten, daß er damit zurechtkommt?
Und wie kam das zustande? Durch eine fehlerhafte Auslegung der Funktion des ß. Es enthielt noch immer die Regel des Schlußzeichens, auch wenn die Unterscheidung von Mittel-S und Schluß-S nicht mehr bekannt ist. Dennoch ist die Notwendigkeit dieses Zeichen immer noch tief in der Sprachstruktur verankert. In vielen Fällen können wir auf dieses Signal -- eines Wortendes -- nicht verzichten, ohne daß es krank aussieht.
Ganz ausführliche Schilderung der grammatikalischen Konsequenzen der "Reform" ist der Artikel hier.
Persönliche Schlußbemerkung: Ich schreibe das ß wie vor der Reform. In "daß" und "muß", aber niemals in einer Versalreihe. Wenn man vorher kein Problem damit hatte, MASSLOS oder DER GROSSE FLUSS zu verstehen, warum sollte es jetzt plötzlich ein Problem sein?
Und wenn Herr Maß kein Herr Mass sein will, dann schreibt ihn in Gottes Namen mit gemischter Schrift. Versalreihen sind etwas für schmückende Überschriften, aber sie sind überall da nicht nötig, wo dieser Konflikt auftauchen könnte.
Samstag, 11. November 2017
Eine Reise, die ein Leben veränderte
Ein für Facebook gesperrtes Video: Ein geborener Brite pakistanischer Herkunft erklärt, wie er überall in der muslimischen Welt auf anti-israelische Propaganda stieß, doch dann reiste er nach Israel, um sich selber ein Bild zu machen. Diese Erfahrung revolutionierte sein Weltbild.
Wenn Facebook dieses Video blockiert hat, dann haben sie nicht verstanden, worum es geht.
Freitag, 21. Juli 2017
Modediagnose??
Autismus ist also eine Mode-Diagnose, um Kindern Erleichterungen zu verschaffen. Würden Sie auch sagen, Migräne sei eine Modediagnose, um Leuten Schmerzmittel zu verschaffen? Autisten sieht man ihr Leiden nicht so an (Migränepatienten auch nicht immer). Ihr Leiden besteht zu einem großen Teil darin, dass die neurotypischen Menschen es nicht erkennen und sie mit allen anderen über einen Kamm scheren, ohne zu verstehen, was sie brauchen. Sie sehen nur die Wutanfälle, die vorkommen können, nicht aber, was zu ihnen geführt hat. Wenn man nämlich an ihnen herumzerrt wie die Hyänen an der toten Antilope, dann sind sie heillos überfordert und können nicht anders reagieren.
Die Autismus-Diagnose ist wegen der Verschiedenartigkeit der Bilder sehr schwierig und permanent in der Enwicklung. Was heute als Ausschlusskriterium gilt, könnte morgen in die Diagnose eingeschlossen werden. Das bedeutet: Nur weil ein Kind Augenkontakt erträgt, heißt das noch nicht, dass es kein Autist ist. Sondern als eine Betroffene, die mit 68 im Diagnoseprozess ist, sage ich: Autismus ist eine ganz andere Art der Wahrnehmung und der Kommunikation, der mimischen Signale, der sozialen Herangehensweise, dass große Anpassungsprobleme an die sozialen Gebräuche und Ausdrucksweisen der neurotypischen Menschen vorprogrammiert sind. Und nein, die gesellschaftlichen Umstände sind nicht der Grund -- und das hören Menschen mit einem sozialistischen Weltbild meistens nicht gern -- sondern es ist eine Veranlagung oder eine sehr frühkindliche Ausformung, die direkt einige Gehirnfunktionen verändert. Nichtsdestoweniger bleibt diese Grundlage, was immer "therapeutisch" angestellt wird. Dennoch sind Autisten die besten Lehrer ihrer selbst und zeigen später erstaunliche Anpassungsleistungen. Nicht das Genie ist die Regel, sondern der von der Gesellschaft ausgestoßene Mensch, dessen Problem nicht verstanden wird. Der Mangel an Empathie, und das beweist auch dieser Artikel, liegt also eher auf der neurotypischen Seite.
Update. Inzwischen habe ich eine mündliche -- positive -- Diagnose für Autismus vom Typ Asperger.
Samstag, 15. Juli 2017
Babylonische Begriffsverwirrung
Hab ich gestern gerudert, um das Programm, mit dem ich seit geraumer Zeit arbeite, für das Hochladen der Website in den Griff zu bekommen. Warum soll das so schwer sein?
Nun, die Hersteller von Software aller Art bemühen sich redlich, die selben Dinge mit verschiedenen Begriffen auszudrücken. Ich muss mich also mit Passwort, password, keyword, Schlüssel, Kennwort und weiteren Begriffen herumschlagen; für einen weiteren Parameter gibt es wieder welche: User, Logonname, Benutzername, Identität und was weiß ich noch. Dann habe ich vom Anbieter einen "Pfad" bekommen, aber dieser Begriff taucht im Menu "Webserver einrichten" überhaupt nicht auf.
Die Zuordnung von Begriffen zu Felder in den Formularen ist eine unendliche Quelle von Ratlosigkeit und Irrtümern. Man kann gar nicht so viel Support in Anspruch nehmen wie man müsste, damit alles glatt geht. Und es ist ja die unheilige Kombination von Programm und Anbieter, die mich in die Hölle des unendlichen Probierens schickt.
Könnte das die Folge von Abmahn-Wahn sei, mit dem Anbieter versuchen, Begriffe schützen zu lassen? Oder ist es einfach nur eine Profilierungssucht?
Seit 99 Jahren bemüht sich DIN um freiwillige Standards, die helfen, Produkte und Verfahren vereinbar mit den Standards verschiedener Anbieter zu machen. Es wäre zu wünschen, dass ein solcher Prozess sich auch auf Bezeichnungen in Formularen für technische Anleitungen beziehen wird. Ich denke, ich werde das Thema verfolgen.
http://www.din.de/de
Mittwoch, 5. Juli 2017
Wer sind die Feinde der Spiritualität?
Im Buddhismus werden solche Inhalte, die sich mit Erleuchtung befassen, nicht auf dem Marktplatz breitgetreten, sondern nur von autorisierten Lehrern und Lehrerinnen gelehrt. Sie haben durch jahrelange Meditation und durch gründliches Studium der Sichtweise und durch persönliche Ermächtigung die Erlaubnis zur Weitergabe der höheren Praktiken.
Im Hindu-Yoga kann sich jeder selbst zum Guru erklären, der spirituelle Erlebnisse hatte. Entsprechend glauben auch die westlichen Yoga- und Tantra-Freunde, sie hätten die Qualifikation, um Kurse und Seminare abzuhalten.
Wer sind die wahren Feinde des Dharma?
Nicht die sind es, die eine Lehre mit Feuer und Schwert bekämpfen, denn Hinduismus und Buddhismus haben die Mogul-Herrscher überlebt. Der Hinduismus ist die beherrschende Religion Indiens geblieben.
Was dem Dharma aber viel mehr schadet, ist die Leichtfertigkeit, mit der kleine Hopsereien, Massage-Workshops und Yoga-Wochenenden schon gleich als Anlass genommen werden, mit Sanskrit-Begriffen um sich zu werfen, die das Ergebnis jahrtausendealter spiritueller Erfahrung sind. So werden sie banalisiert, und beim Hörer entsteht der Glaube, man könne sich diese Dinge einfach so aneignen, könne sie sich verbal übermitteln lassen, käme dadurch der Erleuchtung näher. Das ist, als würde man glauben, ein Sportstudium rein als Studium von Büchern über Sport absolvieren zu können. Vielfach fehlt auch der Glaube, vielfach liegt der Beschäftigung zwar ein Interesse am Wellness-Aspekt zugrunde, aber dieses geht einher mit einem tiefen Misstrauen gegenüber Religion, mit einer krassen Ablehnung der Gestalt des Guru, mit der irrigen Ansicht, man könne sich das alles selber beibringen. Aber zu diesem Ziel kommt man nur durch beharrliche Beschäftigung und Praxis mit Körper, Rede und Geist. Und man muss sich auf diesem Weg auf einen Guru stützen. Und ja, ich benutze diesen Begriff bewusst, denn er beschreibt einen Menschen, der sich gläubig und vertrauensvoll über lange Zeit diesem spirituellen Weg gewidmet hat, bis Ergebnisse eintrafen. Und so jemanden braucht man auf dem spirituellen Pfad.
Pfui, ein Guru!
Die wenigsten haben jemals einen Menschen getroffen, der diesen Weg bis zum Erfolg gegangen ist. Sie können sich das Charisma und die Wirkung eines solchen Menschen nicht vorstellen. Wie auch? Und wer nicht den Glauben hat und das Vertrauen, der kann selbst den Buddha nicht als erleuchtet erkennen, wenn er persönlich vor ihm steht. So ging es dem Koch des Buddha, der sich viele Jahre bei ihm aufhielt und ihn dennoch für einen ganz gewöhnlichen Menschen hielt; so erging es Heinrich Harrer in Tibet, der dem Dalai Lama ganz nah war und dennoch vom Dharma nichts verstand — wenigstens damals — und ihn sogar ein wenig verachtet hat. Seine Hochachtung für den Dalai Lama war somit halber Kram; ich weiß nicht, ob Herr Harrer jemals die Erfahrung nachgeholt hat, den Wert des Dharma zu erkennen. Denn ohne den Dharma hätte der Dalai Lama wohl kaum die charismatische Persönlichkeit entwickelt, für die er verehrt wird.
Viele Aussprüche werden kolportiert und dem Dalai Lama untergeschoben. Nur ein kleiner Teil davon ist authentisch. Und das ist die Gefahr. Nicht so sehr seine Feinde sind das Problem, sondern eher die gut gemeinten Verfälschungen, die von denen kommen, die keine spirituelle Praxis ausüben, sodass sie den Unterschied erkennen könnten.
Samstag, 1. Juli 2017
Das Wechselbalg ist da: Das große SZ
Nun ist das Unglück ja passiert, Deutschland versucht, sich mit einem großen SZ zu schmücken. Wie man aber an der Schriftgeschichte ablesen kann, ist die Herkunft des ß kein s-z, wie das in der Fraktur und in der Deutschen Schrift (z.B. Sütterlin) der Fall ist. Sondern dieses Zeichen in der Antiqua leitet sich aus einer Verschmelzung zweier "s" ab, eines langen und eines runden, siehe Arrighi, Italien, 16.Jh. Es besteht also gar keine Notwendigkeit, ein Sonderzeichen für eine Versalreihe zu benutzen, das dazu den Typografen vor eine unlösbare Aufgabe stellt, da es ja seine Herkunft aus der Doppel-S-Ligatur niemals wird verleugnen können. Auch wird die Bedeutung des ß als Anzeiger eines langen Vokals weit übertrieben, denn in der Vergangenheit stand es lange Zeit auch hinter kurzen Vokalen -- oder hat jemand "Miiißverständnis", "Kuuuß" oder "Fluuuß" gesagt? Hingegen las man bei GROSS oder GRÜSSE problemlos ein Wort mit langem Vokal.
Die sogenannte Rechtschreibreform hat so viel Unheil angerichtet, dass jetzt erst klar wird: Eine glatte, saubere Lösung wie die schweizerische S-Schreibung, die auch Barrieren im internationalen Informationsfluß abbaut, ist wirklich wünschenswert für Deutschland.
Mittwoch, 31. Mai 2017
Du denkst also, die Opfer sind schuld?
Viele Menschen ärgern sich sehr über die Idee von Karma und weisen darauf hin, dass es unerträglich ist sich vorzustellen, die Opfer zum Beispiel des Holocaust seien "selber schuld" an ihrem Schicksal, denn das sei ja die Aussage von Karma.
Abgesehen davon, dass dies oft ein Argument ist, um die Karmalehre zu widerlegen und ad absurdum zu führen, ist es so einfach nicht, denn so zu denken wäre zynisch.
Wie sollte man es dann betrachten?
Buddhismus, Hinduismus und viele andere geistige Richtungen betrachten die Karmalehre als ein Naturgesetz von der gleichen Grundsätzlichkeit und Unverrückbarkeit wie die Gravitation, ja, noch unverrückbarer. Sie wurde aus dieser Sicht nicht aus manipulativen Gründen erfunden oder geschaffen, wie manche unterstellen.
Karma kann man aber nicht betrachten, ohne zwei andere Bestandteile dieser Philosophien mit einzubeziehen,
1. Die Lehre von der illusionären Natur aller Erscheinungen,
2. Die Notwendigkeit von Mitgefühl.
Die illusionäre Natur ergibt sich — um es unerlaubt simpel auszudrücken — durch die Tatsache, dass wir die Welt einzig durch unsere eigenen Sinne und unser Bewusstsein erfassen können. Und dieses Bewusstsein ist kein Scanner, der die Welt sachlich erfasst, sondern setzt bereits vor der Wahrnehmung die Parameter, unter denen wir die Welt betrachten. Wir sehen also nichts unvoreingenommen, sondern wir sehen es durch unser eigenes Bewusstsein vorsortiert und vorgedeutet. Das ist ein Aspekt, um die Aussage, die als Ansicht über "Leerheit" (Shunjata) gilt, nur vage anzudeuten.
Wenn wir normalen Menschen nicht in der Lage sind, die wahre Natur aller Erscheinungen zu erfassen, einschließlich der wahren Natur von uns selbst, könnten wir auf die Idee kommen, dass es ja keine Rolle spielt, wie wir miteinander umgehen, denn wenn alles Illusion ist, ist es ja egal, weder ich selbst noch die anderen sind wirklich existent.
Wer so argumentiert, vergisst jedoch, dass es Leiden gibt, die als wirklich erfahren werden. Wir selber sind ja in der Lage, das so zu erfahren! Wie könnten wir glauben, unser Handeln dürfe Leiden verursachen, wo wir doch selber leiden und uns wünschen, nicht zu leiden, sondern Freude zu erfahren?
Daraus ergibt sich zwingend, dass das einzig logische Handeln darin besteht, auch die anderen vor Leid zu bewahren und ihnen Freude zu schenken. Denn wenn wir Leid als real existierend erfahren, wird es allen anderen auch so gehen.
Zu dieser Einstellung gehört auch, dass man über die Leiden anderer niemals mit einer anderen Grundeinstellung nachdenkt als Mitgefühl.
Der Gedanke, dass jemand sein Leiden verdient hat, verrät einen großen Mangel an Mitgefühl. Im Gegenteil müssen wir allein schon solche Aussagen vermeiden, weil sie kränkend und beleidigend sind. Die Idee von Karma sollte einzig auf uns selber eine erzieherische Wirkung haben, sie sollte uns zeigen, dass unser eigenes Leiden die Folge ist, dass wir diesen Zusammenhang nicht verstanden haben. Nur über sein eigenes Karma kann man vage etwas aussagen, weil es aus dem Jetzt-Zustand ablesbar ist; und der Nutzen ist einzig, sein eigenes Handeln zum Nutzen der Wesen auszurichten. Weder hat es Sinn, auf eigenes Wohlergehen in der Zukunft zu spekulieren, noch darüber nachzudenken, was die karmischen Ursachen im Leben anderer zu bedeuten haben. Das zu tun bedeutet gravierendes Unverständnis des gesamten Zusammenhangs.

Wir sind Täter und Opfer
Auf die Nachricht vom Leid anderer darf ich nur reagieren, indem ich denke: "Dieser Mensch (oder ein anderes Wesen) hat eine große Last zu tragen. Was kann ich tun, um ihm das zu erleichtern?" Die zweite Frage dürfte dann lauten: "Was kann ich tun, um mein eigenes Handeln so zu entwickeln, dass ich selber von Leiden frei werde?"
Es ist vollkommen irrelevant darüber nachzudenken, "was jemand getan haben mag, um so großes Leid zu erfahren". Wir alle haben in unendlich langen Zeitperioden eine Form von Leben durchlaufen, die uns Karma angehäuft hat, und wir kennen es nicht. Wir können nicht sicher sein, ob nicht auch auf uns Leid wartet, das wir dann ähnlich kommentieren können. Wir wissen nicht, ob Wesen vielleicht seit Milliarden Jahren gutes Karma angehäuft haben, dann aber die Folgen von schlechtem sehr massiv in kurzer Zeit erfahren. Vielleicht stehen diese Wesen in ihrer karmischen Gesamtbilanz weit über uns, aber wir können das nicht erkennen, weil wir immer nur winzige Ausschnitte aus der Geschichte wahrnehmen. "Wenn der Feind mich tötet und dafür viele Weltzeitalter in der Hölle sein wird — bin nicht ich sein Mörder?" fragt Shantideva.
Das Universum ist unser Blinder Fleck
Das bringt uns zu dem Thema "Illusionen". Denn auch unsere Idee einer abgegrenzten Individualität ist aus der Sicht des Buddhismus eine Illusion. Wir sind durch lange Weltzeitalter mit den anderen Wesen so verbunden und verflochten ("Alle Wesen, zahlreich wie Tropfen im Ozean, waren einmal unsere Mütter"), dass die Vorstellung von einem eigenen "Ich" ebenfalls ein Irrtum ist. Wir sind nur eine zeitweilige Ansammlung von Komponenten (Skandha). Unser Tod löst diese Ansammlung wieder auf. Wir können daher auch sagen, es gibt nicht so etwas wie ein exakt abgegrenztes Karma, "mein" Karma oder "dein" Karma. Einzig die Schärfe des Leides, das wir selber erfahren, hat für uns Realitätscharakter. Dennoch ist auch dies letztlich eine Illusion, ein Spiel des eigenen Geistes. Das wird erkennbar, wenn wir vergleichen, wie verschieden die Wesen die gleiche Situation erfahren. Der eine verbringt viele Nächte in lauten, verrauchten, dunklen Räumen, wo man das eigene Wort nicht versteht, und hat Spaß; für einen anderen ist das der Inbegriff der Hölle.
Noch etwas zum Handeln
Es ist wesentlich, wenn wir den Weg gehen wollen, anderen zu helfen und sie zu beschützen und zu erfreuen, dass wir begreifen, was genau dazu hilfreich ist. Viele glauben, sie könnten von außen bestimmen, was für einen anderen gut ist. Wir kennen das von unseren Eltern, die sich da ziemlich sicher sind und uns damit die Jugend verpestet haben. Zum einen spielt es eine große Rolle, was beim Opfer der Wohltat als subjektive Erfahrung herauskommt. Erfüllt die "Hilfe" seinen Wunsch oder nicht? Zweitens zählt das Ergebnis: Verbessert die Tat sein Befinden, auch wenn es etwas ist, was er sich nicht gewünscht hat? Zum Beispiel in der Suchttherapie ist das der Dreh- und Angelpunkt. Es muss also gelegentlich auch etwas getan werden, was sich das Opfer nicht gewünscht hat; wir sind dann im Konflikt, es zu tun und für unangenehme Folgen verantwortlich zu sein oder es zu lassen und den Schaden zu akzeptieren, den das Opfer sich selber damit antut.
Das ist ein Konflikt, den wir nur mit Weisheit lösen können. Denn die ist eine der beiden Säulen, auf denen das Heilsame ruht, die andere ist der Verdienst durch heilsames Tun.
Weisheit — zu erkennen, was das Richtige ist, das man tun kann — ist ein entscheidender Faktor, um für andere Wesen nützlich zu sein. Sie kann uns manchmal dazu bringen, den anderen einfach nur in Ruhe zu lassen, jedoch nie aufzuhören, ihn gedanklich mit guten Wünschen zu begleiten.
Was also sage ich, wenn mich jemand fragt, ob ich glaubte, die Opfer des Holocaust seien selber schuld an ihrem Schicksal? Ich sage, wir alle sind irgendwann Täter und auch Opfer solcher Handlungen gewesen. Darum ist es völlig unsinnig, in dieser Weise darüber nachzudenken, sondern wir sollten einzig Mitgefühl mit den Opfern empfinden und unser eigenes Handeln davon bestimmen lassen, künftig das Richtige zu tun. Es ist unsinnig, an diesem Punkt das Gesetz des Karma widerlegen zu wollen. Wird die Gravitation durch fliegende Objekte widerlegt?
Letztliches Unbehagen
Wenn Kritiker der Karmalehre die Ausgangsproblematik ansprechen, drücken sie damit ein Unbehagen gegenüber der gesamten Philosophie aus. Ihre Kritik fällt möglicherweise auch deshalb drastisch und emotional aus, weil die Karmalehre die Zusammenhänge von Leben und Tod in einer sehr schonungslosen Weise anspricht. Indische Yogis und buddhistische Mönche konfrontieren sich mit dem, was andere gern verdrängen und mit kuscheligen Heilsversprechen umpolstern. Wir denken nicht gern über dergleichen nach. Und schon ventiliert ein Teil der Gesellschaft diese Tabus durch Erscheinungen wie Gothics und Horrorfilme. Dennoch stellen Hinduismus und Buddhismus eine positive Perspektive dar, nämlich die Möglichkeit, durch gute Werke gutes Karma anzuhäufen bzw. — wie der Buddhismus es sieht — durch Verdienst und Weisheit letztendlich die Erkenntnis der Illusionsnatur der Phänomene zu erlangen und dadurch von Leid frei zu werden. Dem, der diese Pointe des Gedankengebäudes nicht kennt, erscheint das Bruchstück "Karmalehre" notwendigerweise bedrohlich und unverständlich, ja empörend.
Montag, 7. November 2016
Autist?
Was mich ein wenig von anderen Autisten unterscheidet: Ich habe die Gespräche angenehm gefunden. Man hörte mir zu, es war eine Chance, schon durch das Aussprechen einiges zu klären. Und während ich am Anfang dieser Vermutung -- also schon vor ca. 3 Jahren -- einen gewissen Eifer an den Tag legte, just diese Vermutung zu beweisen, bin ich jetzt offen für das Ergebnis, das da kommen mag. Denn auch die Diagnose einer Hypersensibilität oder chronisches Trauma wäre ein Fingerzeig in eine Richtung, in der man weiterforschen und vielleicht die schwierigen Folgen der Veranlagung ein Stück weit therapieren kann.
Auch wenn ich in einigen Monaten 68 Jahre alt sein werde.
Montag, 11. Juli 2016
GROBE SCHLUBKUNDGEBUNG, WEIBHERBST & FREMDENHAB
Und noch ein Argument gibt es. Im Ausland (und wir wollen doch Weltbürger sein) wird es vollends nicht verstanden, wie dieses Logo beweist: Es stützt sich natürlich auf das griechische Beta, den Ursprung unseres B. Niemand außer uns würde darin einen Zischlaut erkennen.
Liebe Grafiker-Kollegen! Wenn es Namen zu setzen gilt, deren Träger verständnislos wären, wenn man aus einer Frau Maß eine Frau Mass machen würde, dann bedient euch doch einfach aus dem gemischten Setzkasten! Und erinnert euch und andere, daß es sich um eine Ligatur handelt, SS oder SZ -- Vielleicht kann Frau MASZ so glücklich werden.
Montag, 8. Februar 2016
Traumatisiert
Kürzlich unterhielt ich mich mit einem der für das Wohl der Stadt Verantwortlichen. Und er sprach mit leiser Empörung davon, was für Argumente die Demonstranten vorbrachten, die sich gegen den Bau von Flüchtlingsunterkünften wehren. Er war just unterwegs gewesen, um mit aufgebrachten Bürgern (Hamburgern, keinen Wendeverlierern) zu reden, die verhindern wollten, dass auf einer grünen Wiese eine Flüchtlingsunterkunft gebaut wird. Ja. Auf einer grünen Wiese, die schützenswert ist gegenüber dem Unterfangen, Menschen, die aus einer lebensgefährlichen Umgebung kommen, zu uns zu lassen und unterzubringen. Da entblödete sich doch ein Bürger nicht, sein psychologisches Expertentum hervorzukehren und zu behaupten, die Begegnung mit Flüchtlingen sei für ... (Kinder? Jugendliche?) traumatisierend. Aber ich hoffe doch! Teilt mal das Trauma, das wird euch guttun!
Wissen Sie, was traumatisierend ist? Bei Hitze kein Wasser zu bekommen. Bei Kälte keine Unterkunft.
Im Keller zu sitzen, während Bomben fallen.
Nicht im Keller zu sitzen, während Bomben fallen.
Nicht zu wissen, wo die Liebsten sind, Eltern, Kinder, Ehepartner. Und ob sie leben.
Sein bloßes Leben gerettet zu haben.
Eure Großeltern wissen das vielleicht noch. Der Anteil von Flüchtlingen an der Gesamtbevölkerung war bis zu 24%! Das heißt: In den östlichen Bundesländern wurde fast jeder Vierte als Flüchtling oder Vertriebener integriert, während die Städte in Trümmern lagen und Hunger und Brennstoffmangel das Leben schwer machten.
Und da glauben Leute, man könnte nicht einige Hunderttausend in diesem reichen Land unterbringen?
Die das denken, sollten sich wirklich schämen.








